Während die anderen vom Feiern noch müde im Bett lagen, „sind wir morgens um sieben auf die Flohmärkte und fanden die tollsten Stücke“, erzählt Patrick Scherzer. Und weil die übernächtigten Freunde immer häufiger darum baten, ihnen auch etwas Schönes mitzubringen, begannen Patrick und seine Lebensgefährtin Sissi Pohle, ihre Fundstücke in Pop-up-Stores zu verkaufen. Auch der Social-Media-Auftritt des Duos trug zum Erfolg bei. „Wir haben Instagram einfach als Plattform genutzt, als Moodboard – wie unsere Freunde auch“, erinnert sich die 33-jährige Freiburgerin. „Es ging uns nicht darum, mit Brands zu arbeiten und durchzustarten.“ Genau das ist dann aber doch passiert. Denn Sissi und Patrick haben nicht nur ein Händchen für Vintage, sondern auch eine sehr stringente Bildsprache, mit der sie ihr Faible für Runway-Stücke, Silberware und Zirkus-Trouvaillen extravagant in Szene setzen.
Inzwischen agieren die beiden über die gemeinsame Marke „outofuseberlin“ als Antiquitätenhändler. Ihr zweites Standbein: Set-Design, die Inszenierung von Showrooms, Dinnerpartys und anderen Veranstaltungen. „Ein langer, vollgepackter Tisch, der aber doch Struktur hat“, erklärt Sissi ihr Markenzeichen. Schon längst klopfen Traditionshäuser wie Chanel, Hermès oder Armani für Kooperationen an.
Nach den ersten Pop-up-Stores folgten 2021 ein eigener Showroom und ein Jahr später der Umzug von Berlin in die unterfränkische Provinz, in der Patrick aufgewachsen ist. Jetzt wohnt das Paar im Annex eines Schlosses auf dem Dorf. Draußen ein hübsch eingewachsener Garten, drinnen ihr typischer skurriler Stilmix. Berlin fehle ihnen nicht, sagt Sissi. Und ihre Kunden würde sowieso nur interessieren, wie sie lebten, nicht wo. Viele Online-Bestellungen kämen mittlerweile aus New York, aber immer mehr auch aus den Emiraten, erzählt sie weiter. Und steht mal wieder ein Großauftrag an, setzt sich das Pärchen in seinen betagten saharagelben Mercedes 200 W 123 und macht sich auf nach Italien oder Frankreich, um die gewünschten Teller aufzuspüren.
Gerade waren die beiden in Berlin Gastgeber für ein Dinner für Dries Van Noten, um die neuen Düfte der Beauty Linie vorzustellen. Die Gästeliste, Tafel und Optik der Gerichte waren dem Formwillen der beiden unterworfen. Da wurde der Name des belgischen Modeschöpfers ins Silbergeschirr gestanzt, die Kamille- und Vanillenoten eines der neuen Parfums zum Eisdessert übersetzt und jedem Gast vorab ein Lookbook zugesandt, um sich für den Abend passende Kleidung auszusuchen.
„Wir lieben richtig große und auch sehr, sehr kleine Utensilien“, beschreibt Sissi ihren Stil. „Ich kaufe viel Puppengeschirr und präsentiere bei einem Setup darauf jeweils eine Praline. Das ist ein bisschen wie bei ‚Alice im Wunderland‘.“ Und für den perfekt-unperfekten Tisch dürfe man ruhig Materialien zusammenbringen, die sich sonst nicht nebeneinander finden, erklärt sie weiter: „Wir kombinieren aufpolierte Silberobjekte mit noch unbearbeiteten und angelaufenen Kerzenständern.“ Und natürlich mit Vintage-Stoffen. „Die sind dann auch mal geflickt oder haben Verfärbungen.“ Sie verwenden sogar Bettwäsche als Tischdecken, ohne sich an den Knöpfen und Knopflöchern zu stören. Im Gegenteil, das bringe alles Charakter auf die Tafel, erklären sie. Ach ja, bitte Charakter! Der tut uns allen gut. Und nicht nur am Tisch.