Reise

Abtauchen

Nirgendwo kommt Daniel Schreiber so sehr zur Ruhe wie am Wasser. Für SALON hat der Berliner Schriftsteller eine Reise zu drei historischen Hotels an Schweizer Seen unternommen

Text: Daniel Schreiber
Fotografie: Stephanie Füssenich
3. September 2026
Abtauchen
Aussicht auf den Luganersee vom Bergrücken der Ceresio-Halbinsel

Es gibt eine bestimmte Form der Ruhe, die sich nur am Ufer eines Sees einstellt. Das stille Wasser kann etwas zutiefst Heilsames haben. Es scheint einen auf sanfte Weise vom Alltag abzulenken und einem jede Form der inneren Getriebenheit zu nehmen. Ich empfand das schon als Kind so. Ich bin an einem See aufgewachsen und habe es geliebt, ganze Tage an seinem Ufer zu verbringen. Und eigentlich ist es das, was ich auch heute noch am liebsten mache.

Die Seen, die sich am tiefsten in meine Erinnerung eingegraben haben, befinden sich in der Schweiz. Vielleicht liegt es an der oft majestätischen Größe, an der nicht selten azurblauen Farbe, vielleicht an den Bergen, die sie umgeben, am Heugeruch der über ihnen gelegenen Almen, vielleicht daran, dass man den Eindruck hat, dass die Menschen hier sorgsamer mit ihnen umgehen als anderswo.

All das wurde mir kürzlich wieder bewusst, als ich eine kleine Reise zu historischen Hotels in der Schweiz machte, die an einigen der eindrucksvollsten Seen des Landes liegen. Schon als ich nach einer langen Anfahrt im ersten Hotel an- kam – dem Bio-Boutique-Hotel Schloss Wartegg in Rorschacherberg –, war es da, jenes stille Gefühl des inneren Wasser-Gleichgewichts. Ich stellte meinen schweren Koffer in meinem Zimmer ab, machte die Tür zum kleinen Balkon auf, setzte mich auf einen der beiden Stühle, und die Gedanken an die vergangenen Tage traten in den Hintergrund. Ich schaute auf die weite Wasserfläche des Bodensees. Die Berge, die seinen Anblick von der deutschen und österreichischen Seite her bestimmen, befanden sich in meinem Rücken. Das Blau des Wassers schien nahtlos in das Blau des Horizonts überzugehen. Und jene Ruhe umfasste mich mit einer so sanften Bestimmtheit, dass ich mich nicht dagegen wehren konnte.

Auch das romantisch anmutende Schlosshotel mit seinen weißen Mauern, Zinnen und Spitzgiebeln, an denen riesige Blauregenpflanzen und Kletterrosen ranken, strahlt diese Ruhe aus. Es wurde schon Mitte des 16. Jahrhunderts errichtet, doch echte Bedeutung erlangte es erst, als Louise Marie Thérèse d’Artois, die französische Bourbonen-Prinzessin und Regentin des Herzogtums Parma, ihr Herzogtum verlor. So zog sie 1859 an den Bodensee und machte Schloss Wartegg zu ihrem Exilsitz. Nicht nur das Gebäude ließ sie großzügig umbauen, sondern auch eine schmuckvolle Kapelle errichten und den englischen Landschaftspark mit seinen verschlungenen Wegen und Sichtachsen anlegen.

Weder mit der Regentin von Parma noch mit dem Schloss meinte es die Zeit gut. Als Christoph Mijnssen und seine Frau Angelika Mijnssen-Wagner, die Betreiber des kleinen Hotels, das Haus 1994 übernahmen, hatte es abgesehen von einer Zwischennutzung fast fünf Jahrzehnte leer gestanden. „Als ich mit einem Kollegen zusammen in die Allee gefahren bin, konnte ich nicht glauben, dass es so etwas überhaupt in der Schweiz gibt“, erzählt Mijnssen. „Ich war wie vom Blitz getroffen.“ Das Schloss war marode, hatte Hausschwamm und musste partiell entkernt werden. Trotzdem versuchte das Paar, so viel Baumasse wie möglich zu erhalten.

Heute ist in Schloss Wartegg alles im Gedanken ans Ganzheitliche gestaltet. Das Holz für die Möbel in den Zimmern stammt von Ulmen aus dem eigenen Park. Der große, wunderschöne Garten mit alten Gemüsesorten wie Kardi und Kerbelrübe, mit unzähligen Beeren und Kräutern versorgt die anspruchsvolle, immer wieder überraschende Küche des Hauses, die vom Bodensee und den umliegenden Alpen geprägt ist. Der Gärtner bestückt das Haus alle paar Tage mit neuen Arrangements aus der großen Sammlung an alten Strauchpäonien, Zistrosen und anderen Blumenraritäten. Die Schlosskapelle wurde durch einen Meditationsraum von Jean Nouvel ergänzt. Überall hier geht die Vergangenheit eine besondere Beziehung zum Heute ein. „Ziel ist es, die fruchtbare Erde zu erhalten, auch für die nächsten Generationen“, sagt Mijnssen. 

Bald machte ich mich auf den Weg ins nächste Hotel und fragte mich, ob Menschen die besondere Atmosphäre an Seen nicht schon immer spüren konnten und sich deswegen in ihrer Nähe niederließen. Irgendetwas, das sich nicht in Worte fassen lässt, bindet uns an sie.

Als ich in Biel auf das Schiff stieg, das mich zur St. Petersinsel, einer kleinen Halbinsel im Bielersee, bringen würde, fing es an zu regnen. Doch das schien die innere Ruhe nur zu verstärken und meinen Mitfahrenden schien es ebenso zu gehen. Ich hätte stundenlang weiter über das Wasser fahren können.

Irgendwann sahen wir die bewegten Baumwipfel der Insel und ich dachte kurz, ich sei in einem französischen Film gelandet. Ein Mitarbeiter des Hotels wartete neben einem kleinen Sommerkiosk an der Landestelle auf mich, um mir mit meinem Gepäck zu helfen. Das Hotel, ein mächtiges weißes Klostergebäude, tauchte kurze Zeit später wie eine Fata Morgana aus dem Nebel auf, mitten auf der Insel, zwischen sattgrünen Wiesen, auf denen schwarze Kühe weideten. Nachdem ich mein schönes, mit antiken Möbeln ausgestattetes Zimmer bezogen hatte, wollte ich sofort mehr über das Gebäude und den Ort wissen. Es hatte etwas Mystisches, hier zu sein.

Wie sich herausstellte, fühlten sich Menschen seit jeher von der Insel angezogen. Schon in der Bronzezeit wurde sie mit Pfahlbaudörfern besiedelt. Im zweiten und dritten Jahrhundert bauten die Römer einen Tempelbezirk, aus dem später eine merowingische Kirche, dann ein karolingisches Holzkloster und im zwölften Jahrhundert schließlich ein Cluniazenser-Priorat mit Konventsbauten entstanden. Jean-Jacques Rousseau hat hier seine „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“ verfasst, Goethe war zu Besuch, Joséphine Bonaparte und verschiedene Könige von Preußen, Schweden und Bayern auch.

Der heutige Hotelbau hat die Spuren dieser langen Geschichte ganz selbstverständlich in seinen Alltag integriert. Irgendwann erkundet man ihn mit einem archäologischen Blick. Man kann sich aber auch einfach in einen der bequemen Ledersessel der langen Wintergartenbibliothek setzen, lesen, auf den großen Innenhof des Klosters und die stürmische Landschaft dahinter schauen.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war der Regen verzogen. Die schwarzen Kühe und ihre kleinen Kälber vor dem Haus muhten friedlich vor sich hin und nach einem ausgiebigen Frühstück machte ich mich auf, die St. Petersinsel zu erkunden. Irgendwann glaubte ich zu verstehen, warum Menschen schon immer hier sein wollten. Es hat mit der außergewöhnlichen natürlichen Schönheit dieser Landschaft und mit den unzähligen Vögeln und Tieren zu tun, die sich hier beobachten lassen. Mit einer spezifischen Langsamkeit, die für ein Aussetzen des Alltags sorgt. Mit dem Gefühl, Zeit geschenkt zu bekommen. Ein Teil von mir wollte für immer hierbleiben und nichts tun, als die Weite des Bielersees und die Berge des Jura zu betrachten, den Wechsel der Jahreszeiten zu feiern.

Der Biologe Wallace J. Nichols hat die besondere Wirkung des Wassers mit der Idee des „Blue Mind“ beschrieben, eines quasi-meditativen Geisteszustands, der nur in der Nähe zu natürlichen Gewässern entsteht. Er sah darin so etwas wie eine weltverändernde Kraft. Als ich ein paar Tage später in den Bahnhof von Lugano einfuhr, konnte ich nachvollziehen, was er meinte. Das Gefühl verstärkte sich, während ich im Taxi in großen Kurven ins kleine Bergdorf Carona hochfuhr, immer das Naturschauspiel des azurblauen Luganersees und der grünen Tessiner Berge im Blick.

In dem verschlafenen Örtchen, in das sich schon Künstlerinnen und Künstler wie Hermann Hesse, Helene Weigel oder Bertolt Brecht zurückgezogen hatten, standen Menschen in kleinen Gruppen um eine Piazza und unterhielten sich. Ab und zu fuhr ein Auto oder eine Vespa vorbei. Der Himmel strahlte sommerlich.

Ich bezog mein Zimmer in der Villa Carona, einem 200 Jahre alten Patrizierhaus mit mediterranem Garten und italienischem Restaurant. Die Besitzer des Hotels, Jörg Deubner und Cornelia Deubner-Marty, führen das Haus seit über zwanzig Jahren. Sie haben sein ursprüngliches Jugendstilambiente, das nach Renovierungen in den 60er-Jahren vollständig zerstört worden war, wiederhergestellt, ein Spa mit Dampfbad und Sauna errichtet und einen Swimmingpool zwischen Palmen, Kamelien und Glyzinien gebaut. „Heute suchen Leute nicht nur Luxus“, erzählen sie, „sondern ein Gefühl von Zuhause. Wir wollen eine Ruhe-Oase sein, wo man ankommt und bleibt.“ Vielleicht würden auch sie der „Blue Mind“-Theorie von Wallace J. Nichols zustimmen.

In Hermann Hesses Beschreibungen seiner Wanderungen durch das Tessin ist von einer kleinen Wallfahrtskirche am Ende eines Kreuzwegs mitten im Wald von Carona zu lesen. Bevor es wieder zurück nach Berlin ging, wollte ich mir dort die berühmte Madonna d’Ongero anschauen. Das kürzlich restaurierte barocke Sanktuarium ist ein Kleinod. Es ist einer jener Orte, an denen man sich mit der Erde besonders verbunden zu fühlen scheint und mit all den Menschen vor einem, die etwas Ähnliches empfunden haben.

Als ich wieder ins Freie trat, entschloss ich mich, den Umweg zu den großflächigen Azaleen- und Rhododendrenhainen des nahen Parco San Grato zu nehmen, um einen letzten Blick auf den Luganersee werfen zu können. Als ich hoch oben auf einer Bank saß und auf das strahlende Wasser schaute, kam mir wieder Hesse in den Sinn, der über diesen Platz schrieb: „Es gibt viel Schönes auf Erden, Schöneres als dies gibt es nicht.“ Die stillen Wasser der Seen machen etwas mit uns. Und vielleicht muss man gar nicht sagen können, was genau. Vielleicht genügt es auch einfach, sich immer mal wieder dem rätselhaften Wunder ihrer Schönheit auszusetzen.

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