Design & Interior

ZWISCHEN DEN STÜHLEN

Ist das Kunst oder kann man darauf sitzen? Die Gründer der Galerie Objects With Narratives haben sich auf Arbeiten spezialisiert, die zwischen Design und Kunst mäandern – auf limitierte, meist handgefertigte Editionen und Einzelstücke. Nachdem die junge Galerie zunächst ein Nomadenleben führte, hat sie mittlerweile in einem Brüsseler Palais ein herrschaftliches Zuhause gefunden und erzählt dort die Geschichte hinter den Dingen

Text: ILONA MARX
1. Juni 2026
ZWISCHEN DEN STÜHLEN
Zeigt Neues vor alter Kulisse: das Galerie-Team im Palais Sablon. Der Palast wurde in den 1920er-Jahren erbaut, beherbergte Belgiens berühmtestes Pelzunternehmen, später ein Museum und das Auktionshaus von Pierre Bergé, Yves Saint Laurents Lebenspartner

Auf der Place du Grand Sablon zeigt sich die belgische Hauptstadt von ihrer schönsten Seite. Dort, wo früher sandiges Sumpfgebiet war – daher der Name Sablon, französisch für Sand –, wurden im Schatten der gotischen Église Notre-Dame du Sablon seit dem 16. Jahrhundert herrschaftliche Gebäude errichtet, in denen heute elegante Cafés und Restaurants, edle Chocolaterien und Antiquitätengeschäfte residieren. Vor der Hausnummer 40 plätschert das Wasser des Minerva-Brunnens zu Füßen der Göttin des Handwerks, der Weisheit und der schönen Künste, in ein halbrundes Becken. Ob die drei jungen Galeristen, die 2024 mit „Objects With Narratives“ in den Palast gezogen sind, wohl auf ihre Gunst hoffen dürfen?

Robbe Vandewyngaerde, mit 28 Jahren der Jüngste im Gründertrio, kommt zum Eingang geeilt und öffnet die große, bogenförmige Glastür. Er bittet die Marmorstufen hinauf und führt seine Gäste in das tanzsaalgroße Entree. Mächtige Spiegel, verborgene Kabinette und opulenter Stuck zeugen von dem wohlhabenden Vorbesitzer: Der Pelzhändler Raymond Mallien ließ das Palais du Sablon 1920 vom französischen Architekten Jacques Barbotin erbauen.

Robbe, den das belgische Magazin „Forbes“ 2025 zu den einflussreichsten 30 Persönlichkeiten unter 30 wählte, trägt eine leichte Wollhose mit dezenten Nadelstreifen und einen eleganten dunklen Pullover mit Umlegekragen. „Es ist erst drei Jahre her, dass mein Bruder Nik und ich uns entschlossen haben, eine Galerie zu gründen“, erzählt er, nippt an seinem Wasserglas und stellt es auf der mit Leder bezogenen Tischplatte ab. Nik und er teilen beide die Faszination für Designobjekte, für ihre Herstellungsweisen, dafür, wie sie das Verhalten ihrer Besitzer beeinflussen und welche Bedeutung sie in sich tragen.

„Nachdem wir mit Oskar Eryatmaz, dem besten Freund meines Bruders, ein Finanzexperte und ehemaliger Basketballprofi, den perfekten Partner gefunden hatten, waren wir auf der Suche nach einem geeigneten Standort.“ Robbe lässt seinen Blick durch die Eingangshalle schweifen: „Ich war zunächst gar nicht überzeugt, dass die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler in dem reich geschmückten Saal gut zur Geltung kommen würden. Doch dann stellten wir fest, dass die oberen Etagen eher industriellen Charakter besitzen. Sie hatten in früheren Zeiten als Kürschnerwerkstätten und Lagerflächen gedient und der Kontrast reizte uns sehr.“

Aber auch in das opulente Erdgeschoss fügen sich die versammelten Objekte trotz ihrer avantgardistischen Formensprache ein. Der massive Sessel aus Marmor, die Tische aus Kunstharz und die minimalistischen Stahlsessel, die Nik und Robbe selbst entworfen haben. Auf den Fenstersimsen funkeln die Vasen von Maarten Vrolijk im Sonnenlicht. Ihre Oberflächen sind mit aufgeschmolzenen Glassplittern gespickt, die an Kristalle, Blüten oder Korallen erinnern. Die pastellfarbenen Keramikgefäße von Steven Edwards wiederum wirken, als hätte der Künstler den Ton wie Zahnpasta aus einer Tube herausgequetscht. Die Stränge winden und krümmen sich, sind erstarrt in ihrer Bewegung. Draußen vor dem Fenster bleibt ein gut gekleidetes Paar stehen, um die ungewöhnliche Auslage zu mustern. Die Progressivität, die die Galerie in die Nachbarschaft bringt, macht neugierig.

Robbe Vandewyngaerde geht weiter durch eine Tür in den hinteren Teil des Gebäudes, in dem monumentale Tapisserien von Studio Krjst zu sehen sind. „Zwei belgische Textilkünstlerinnen, die früher in der Mode gearbeitet haben“, erklärt Robbe und deutet auf eine vielfarbige Webarbeit, die an eine Landschaft erinnert. „Hier trifft Handarbeit auf maschinelle Techniken“, erklärt er weiter. „Zunächst entsteht ein Fond, der dann aufwendig von Hand bestickt wird.“ Bis zu zehn Meter messen die Werke, die auf dem Boden liegen und von den Wänden oder Decken hängen. Sie gefallen auch dem Haus Hermès, das Kunde des Designduos ist. Und so wurde einer der Teppiche zwischen zwei Glasplatten gefasst und dient seitdem im Luxemburg Store als Raumtrenner. „Viele unserer Künstlerinnen und Künstler verbinden verschiedene Welten miteinander“, sagt Robbe. „Sie schaffen sowohl Sammlerstücke in limitierter Auflage als auch Industrie- oder Produktdesign. Diese Dualität ermöglicht es ihnen, frei zu experimentieren.“

In der zweiten Etage wurden alle Innenwände entfernt und durch cremefarbene Baumwollvoiles ersetzt. Die leichte Brise, die durch die Fenster weht, lässt sie tanzen. Robbe steuert auf eine Installation zu, die die Szenerie beherrscht: ein elfenbeinfarbenes, kubistisches Sofa. Es wirkt wie in den Raum gewürfelt. Die Elemente sehen aus, als seien sie zu groß geratene Bauklötze, klobig, eckig – trotzdem sind sie weich und bequem. Hinter dem Sofa befindet sich ein Spiegel mit einem Rahmen aus vielen spindelförmigen Porzellanhülsen. Beide Arbeiten stammen von Olga Engel, einer Künstlerin, die zwischen Frankreich und Lettland pendelt. „Sie hat die fingerlangen Hülsen so um die ovale Spiegelfläche gruppiert, als hätte der Wind ihnen eine Richtung verliehen“, sagt Robbe und erklärt somit den Namen der Arbeit: „Zephyr“, der Gott des Westwinds aus der griechischen Mythologie.

„Die Objekte, die wir zeigen, sind nicht nur funktional oder ästhetisch – sie tragen auch eine Bedeutung in sich“, erzählt Robbe. „Ein Gegenstand kann von einem Herstellungsprozess, einem besonderen Material, einer persönlichen Erinnerung erzählen oder sogar einen kulturellen Kommentar abgeben.“ Wie zum Beispiel ein Tisch aus recyceltem Stein, der noch Spuren seines früheren Lebens aufweist – „Risse, Verwitterung, Unvollkommenheiten“, so der Galerist. Es geht um Zeit, Transformation, Wiederverwendung. „Die Geschichten, die unsere Objekte erzählen, können sehr persönlich sein, manchmal aber auch konzeptionell oder philosophisch. Unsere Kunden sind Menschen, die eine emotionale Beziehung zu den Dingen suchen, die sie besitzen. Menschen, die auf der Suche nach Stücken sind, die Alltagstauglichkeit mit Ausdruck verbinden.“ Ein Stuhl, ein Tisch oder eine Leuchte seien für ihre Kunden weit mehr als nur Gebrauchsgegenstände – sondern vielmehr Skulpturen, mit denen sie interagieren können. „Dinge, die eine Geschichte haben, erzeugen eine stärkere Bindung. Design kommt und geht. Wenn eine Arbeit aber ein Narrativ hat, dann wächst die Beziehung mit den Jahren.“

Teil dieses Narrativs sind auch die Herstellungsverfahren. „Handwerk steht bei uns im Vordergrund“, erklärt Robbe. „Wenn wir von Design sprechen, wird nicht selten von einer industriellen Reproduzierbarkeit ausgegangen. Die Arbeiten, die wir hier zeigen, sind jedoch handwerklich hergestellte Unikate, die höchstens in kleinen Serien aufgelegt werden. Unsere Stücke sind die Antiquitäten von morgen.“

Mehr über die Galerie Objects With Narratives erfahren Sie in SALON No. 47