
DER GRUNDHOFER MÄNNERGESANGSVEREIN EXISTIERT SEIT 1857 und ist für mich ein großartiges Beispiel für einen dritten Ort. Der Soziologe Ray Oldenburg bezeichnet damit Treffpunkte, an denen sich Menschen jenseits von Arbeit und Familie ungezwungen begegnen können. In dem norddeutschen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, bringt der Männerchor bis heute ganz unterschiedliche Menschen zusammen: Landwirte und Lehrer, Elektriker und Ärzte, das jüngste Mitglied ist 18 Jahre alt, der älteste Sänger hat gerade seinen 95. Geburtstag gefeiert. Das Repertoire reicht von Schuberts „Der Lindenbaum“ bis „Caravan of Love“ von den Housemartins. Im letzten Jahr gab es ein Vater-Sohn-Projekt, für große Auftritte werden Maschinenhallen in Konzertsäle verwandelt. Die Mitgliederzahlen steigen.
Für mich steht der Chor nicht nur für eine moderne Männlichkeit, sondern ganz einfach für Menschlichkeit. Für ein funktionierendes Gemeinwesen und soziale Strukturen, in denen wir glücklich leben können. Wenn sie fehlen, fehlt uns etwas. Eine Tatsache, die vielen Menschen mittlerweile immer bewusster wird. „Liegt es am Homeoffice oder an den sozialen Medien?“, fragt Gabriela Herpell in ihrem Plädoyer für mehr „Wir“ auf Seite 100. Und: Was können wir gegen die Einsamkeit tun? Müssen wir unser Leben ändern? In Australien begegnete ich vielen talentierten Köchen und Winzern, die diese Frage tatsächlich mit Ja beantwortet und sich eine Existenz rund um Adelaide aufgebaut haben. Ausschlaggebend für den Neustart waren neben dem mediterranen Klima vor allem die Community und das selbstverständliche tägliche Miteinander (S. 52).
Genau das wünschen wir uns auch. Deshalb stecken in dieser Ausgabe viele Ideen und Anregungen, sein Leben zu gestalten, auch im übertragenen Sinne. Die Antwort auf die schwierige Weltsituation ist nicht Kapitulation, sondern eine (selbst)bewusste Lebensführung. Kein Rückzug ins Private, sondern eine klare Wahl für Dinge, die wir in der Hand haben: in die Welt hinausgehen, Menschen begegnen oder Gäste zu sich nach Hause einladen. Dafür hat unsere Kollegin Leontine Knappertsbusch die besten Gestalter für grandiose Einladungen gefunden. Das Fest für Liebhaber schöner Handschriften beginnt auf Seite 72, und die Party bei Ihnen zu Hause lässt hoffentlich auch nicht lange auf sich warten.
Viel Freude mit SALON!
Anne Petersen
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