Fröhlich, traurig erschöpft? Für Alice Herbsts Gemütszustand ist heute kein Dopamin oder Serotonin zuständig, kein Lottogewinn, keine verpasste Bahn, keine kurze Nacht. Über ihre Stimmung entscheidet allein das „Gesichtsroulette“: ein Dutzend Mienen auf Pappe gemalt, mit Kreisen auf den Wangen, wie Puppen. Mal verzieht sich der Mund zu einem Lachen, mal steht er offen, mal heben sich die Augenbrauen, mal senken sie sich. Die Masken sind an einem Holzring befestigt, das Glücksrad der Gefühle. Alice nimmt es in die Hand, dreht den Holzring und bringt ihn ein paar Sekunden später zum Stillstand. „Ich stelle mich dahinter, und der Zufall entscheidet, welche Emotion der Ausgangspunkt für mein nächstes Kunstwerk wird“, erklärt die 33-Jährige.
Was auf den ersten Blick wie eine Performance wirkt, ist auf den zweiten eine Requisite. Erschaffen, um in einem Gemälde von Alice zu landen. Eine Metaebene aus Karton, die wirkt wie eine Szene aus einem Kinderbuch. Naive Malerei, angefertigt mit breiten Strichen. Einer Setdesignerin gleich zeichnet Alice Alltagsgegenstände auf Pappe und schneidet sie aus. Vasen, Garderobenständer, Teetassen. Die Künstlerin inszeniert damit Szenen und Stillleben, um sie anschließend zu fotografieren und die Aufnahme abzumalen. Ein Bild vom Bild vom Bild.
Seit drei Jahren teilt Alice Herbst mit ihrem Lebensgefährten Christofer Högman ein Atelier im Nordosten Stockholms, dem Hafenviertel Norra Djurgårdsstaden. Eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Kräne kratzen am Himmel, Bagger reißen Straßen auf, überall dröhnt und scheppert es. Bis 2030 sollen hier 12 000 Wohnungen und mehr als 30 000 neue Arbeitsplätze entstehen, ressourcenschonend und energieeffizient. Zwischen Containern und Industriehallen wirkt das Haus aus dem 19. Jahrhundert ein wenig so, als hätte es sich verirrt, ein Zeitreisender, der versehentlich am falschen Ort gelandet ist. „In dem Gebäude war einst das Zollamt“, sagt Christofer und zeigt aufs Hafenbecken. Ein Terminal schluckt Passagiere, vor der Eingangstür legen die Fähren in Richtung Finnland ab. Und wäre das Leben tatsächlich ein Theaterstück, könnte man durchaus von einer schicksalhaften Dramaturgie sprechen.
2015 lernte sich das Paar an der Gerlesborg School of Fine Art kennen. „Die erste Aufgabe war, uns gegenseitig zu porträtieren“, erinnert sich Alice. „Wir stachen an unserer Schule ein bisschen heraus, weil wir figurativ malten und nicht minimalistisch abstrakt.“ Christofers Werke zeigen Menschen – Männer und Frauen, die miteinander plaudern, Klavier spielen, Skulpturen formen. „Derzeit arbeite ich an einer Serie, die ,Workers‘ heißt, die Bilder zeigen Figuren in Arbeitskleidung. Meine Gemälde sind inspiriert von Dingen, die gerade in der Welt passieren – wie etwa künstliche Intelligenz. Sie ersetzt nach und nach die Arbeitskräfte“, sagt Christofer. „Mich interessiert die Frage, was für einen Wert Arbeit noch hat. Die meisten Menschen identifizieren sich über ihre Arbeit. Sobald man jemanden kennenlernt, lautet die zweite Frage gleich: ,Was machst du beruflich?‘ Ich glaube, Wissenschaft und Technologien sind die Motoren, die die Menschheit voranbringen – aber Kultur und Kunst sind das Steuerrad.“
Seit mehr als zehn Jahren gehen Alice und Christofer gemeinsam durchs Leben, arbeiten Seite an Seite. Vor zwei Jahren begannen sie, auch eine Leinwand zu teilen. „Es fing als Experiment an“, erzählt Christofer. „Wir begannen, ein paar Leinwände zu bemalen, um auszuprobieren, wie unser Zusammenspiel aussehen würde.“ Es zeigte sich: sehr gut. Die Galerie Sonder wurde im Internet auf ihre Werke aufmerksam, in Kalifornien, am anderen Ende der Welt.
„Ich glaube, wir ergänzen uns als Paar sehr gut“, meint Christofer. „In meinen Werken geht es viel um die Art und Weise des Malens an sich. Mich inspiriert es, wie Farbe aufgetragen wird, der Rhythmus. Ich mag es, wenn man sehen kann, wie der Pinsel geführt wurde, ob schnell oder vorsichtig. Meine Pinselstriche sind kräftig und haben viel Struktur, Alices sind sehr akribisch und delikat. Paradoxerweise ist Alice im echten Leben die Energischere von uns beiden, ich bin viel ruhiger.“
„Ich komme aus einer sehr künstlerischen Familie“, erzählt Alice. „Mein Opa hatte ein Atelier in seiner Garage, meine Großeltern arbeiteten mit Holz, schnitzten Volkskunst. Als ich jung war, habe ich schon viel gezeichnet, aber auch mit Ton und Pappe experimentiert. Ich habe Brettspiele und Puppenhäuser gebastelt und sie anschließend gefilmt“, erzählt Alice. „Auf gewisse Weise kehre ich mit meiner Arbeit zum Ich meiner Kindheit zurück.“ Alices Bilder werden mittlerweile in Seoul und Hongkong gezeigt, vor wenigen Monaten hatte sie ihre erste Solo-Ausstellung in London.
Bei ihrem Debüt als Herbst & Högman finden die beiden Künstler zusammen, greifen auf ihr persönliches Vokabular zurück, um eine gemeinsame Sprache zu finden. „Die Bilder weisen Ähnlichkeiten zu unseren eigenen Gemälden auf, zu unseren Techniken. Der Titel der Ausstellung ,In the Hollow‘ verweist etwa auf das hohle Geräusch, wenn man im Theater gegen eine Wand klopft. Aber wir schaffen trotzdem etwas ganz Neues“, sagt Christofer. „Unsere Werke weisen Parallelen zur Kunst des 19. Jahrhunderts auf.“
Und Alice ergänzt: „Wenn wir einfach nur unsere jeweiligen Stile gemischt hätten, wäre es zu verwirrend. Wir haben eine neue Welt für diese Bilder geschaffen.“ Ein Lummerland, in dem pure Harmonie herrscht? Ohne Streit und Diskussionen, ob nicht einer das Geschaffene vom anderen verdrängt oder gar dominiert? Christofer verneint: „Alice hat gleich zu Anfang eine Stelle von mir übermalt, die ich als besonders gelungen empfand. Zuerst war ich erschrocken, aber wir haben schnell gemerkt, dass nichts tabu sein darf. Der ganze Prozess fühlt sich sehr frei an.“
Finden Sie die ganze Geschichte über das Künstlerpaar in SALON No49