Bauschig und bereit zum Ball steht die gelbseidene „robe de cour“ in einer Museumsvitrine. Ein Entwurf von 1789 – dem letztmöglichen Moment für höfische Garderobe in Frankreich. Die Robe ist das Lieblingsstück von Agnès Costa-Webster in der Sammlung des im vergangenen Sommer in Arles eröffneten Musée de la Mode et du Costume. „Für mich symbolisiert dieses satte Gelb unser Haus“, erklärt die Firmenchefin des Traditionsunternehmens Fragonard, das vor genau 100 Jahren in Grasse gegründet wurde. Also gar nicht so weit weg von Arles. „Die Farbe steht für Sonne, Riviera, Côte d’Azur“, gerät die Südfranzösin ins Schwärmen. „Dieses Kleid muss einer fantasievollen Frau gehört haben, einer Exzentrikerin – das gefällt mir.“
Agnès Costa-Webster verantwortet mit ihren Schwestern Anne und Françoise nicht nur die Geschicke des Parfumhauses in vierter Generation. Das Costa-Trio steht auch gemeinsam hinter der Museumseröffnung. Und hinter den Exponaten aus mehreren Hundert Jahren Kostümgeschichte und der „art de vivre à la française“. Ihre 2007 verstorbene Mutter Hélène bildete den Beginn dieses Konvoluts aus kunstvoll besticktem Textil und den mit Spitzen eingefassten Gewändern der provenzalischen Tracht. „Anfang der 1990er-Jahre hatte meine Mutter unser Elternhaus so vollgestopft, dass man sich kaum mehr darin bewegen konnte“, sagt Costa-Webster und lacht. Schon damals habe sie es schade gefunden, dass kein größeres Publikum die historischen Kostbarkeiten zu sehen bekam. „Jedes Kleid ist ein großer Liebes- und Geduldsbeweis“, erklärt die 65-Jährige. „Die Frauen bestickten ihr Kostüm vor der Hochzeit – sehr viele bewegende Geschichten sind mit diesen Kleidungsstücken verbunden.“
Das im historischen Herzen von Arles eröffnete Ausstellungshaus ist das jüngste von insgesamt sechs Museen in Familienbesitz, die sich – in Grasse, Paris und nun in Arles – der Geschichte von Parfum, Schmuck, Tracht und Stoffen widmen, von der Antike bis ins Heute. Fürs Musée de la Mode et du Costume konnten die Schwestern die familieneigene Auslese mit einer ebenbürtigen Sammlung vereinen: den Kostümen und Accessoires der inzwischen verstorbenen Historikerin Magali Pascal und ihrer Tochter Odile aus Arles, deren Leidenschaft für die Tracht der Arlésienne, die Mitte des 18. Jahrhunderts aufkam, eine fabelhafte Kollektion entstehen ließ. Und deren Eingliederung ins Fragonard-Archiv überhaupt erst Anlass fürs neue Museum gab. „Wir haben eine sehr große Sammlung, es sind mehr als 10 000 Exponate im Moment“, überschlägt Agnès Costa-Webster. „Gemeinsam mit meinen Schwestern stocken wir die Sammlung stetig auf.“
Beispielsweise auch um die 2024 entstandene Auftrags-Videoarbeit „Les Ombres arlésiennes“ von Charles Fréger: Der französische Fotograf wirft, Scherenschnitten gleich, in Schwarz-Weiß-Sequenzen die komplizierte Kunst des Ankleidens der Arlésienne an die Museumswand, als intimes Boudoir-Ballett ewigen Schnürens, Knüpfens und Steckens. Nur Rock und Corsage sind bei der Arlesianertracht fest vernäht. Alle weiteren Details – Bänder, Spitzen, Tücher, Faltenwurf – werden täglich neu mit goldenen Nadeln fixiert, je nach Saison, Stimmung oder Lebensabschnitt.
Christian Lacroix, ein Sohn der Stadt, der in seinen Entwürfen selbst gerne der Arlésienne und ihrer dunklen Silhouette huldigte, erklärt im Museumskatalog seine Faszination für diese „magie des épingles“, den Zauber der Nadeln, der durchaus nicht nur an Museumswänden stattfindet. Denn die Bewohnerinnen von Arles tragen noch immer ihre Tracht. Ob zu Hochzeiten, Beerdigungen oder historischen Anlässen wie dem großen Defilee an jedem ersten Julisonntag, wenn sie zu Hunderten durch die Straßen flanieren, nie nur von schwarzem Tuch umwoben, sondern immer auch von geheimnisvoller Grazie.
„Arles ist die Hauptstadt der provenzalischen Kultur“, freut sich Agnès Costa-Webster über den neuen Standort. Wobei, ganz so neu ist der gar nicht. Eine Fragonard-Boutique nahe der zentralen Place du Forum war schon da, seit 2021 sogar mit sechs Gästezimmern in den Stockwerken darüber. „Die Zimmer sind so eingerichtet, dass man über Nacht in unser Universum eintauchen kann“, erklärt die Unternehmerin, die gut versteht, was ihre Gäste in Arles suchen: „Manche kommen wegen der antiken Spuren der Stadt hierher, andere wegen der zeitgenössischen Kunst. Wieder andere, weil sie die Provence lieben oder das naturnahe Leben der Gardians, der Viehhüter der Camargue.“ Einen geradezu überbordenden kulturellen Reichtum provenzalischer Lebenskultur gebe es in Arles: „Hier sind die schönsten Gebäude und Straßenzüge. Dazu fantastische Hotels, Restaurants, Kunstinstitutionen.“ Und nun eben auch das neue Fragonard-Museum: „Es öffnet sich der provenzalischen Kultur auf der Ebene von Textil, Kostüm und Schmuck. Das gab es so noch nicht in Arles – das ist unsere Besonderheit.“
Schon in der Antike bewies das südfranzösische „kleine Rom der Provence“ ein glückliches Händchen für Monumente und Mäzene. Julius Cäsar ließ die Veteranen seiner sechsten Legion hier eine Kolonie gründen, und das Amphitheater beherrscht auch zweitausend Jahre später die Stadtmitte. Kunstvoll gemeißelte romanische Kirchenportale und barocke Patrizierhäuser zeugen von prosperierendem Handel, die Rhône war bis ins 19. Jahrhundert hinein eine Hauptverkehrsader. Ihr Wasser spülte begehrte Güter in die Stadt. Aber auch aus Marseille oder der seit dem Mittelalter stattfindenden Handelsmesse im nahen Beaucaire kamen Samt und Seide zu den Stadtbewohnerinnen, die eine Vorliebe hatten für Stoffe aus der Levante oder Südasien. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts, klärt der erste Ausstellungskatalog des Museums auf, wusste eine Arlésienne Spitze aus Flandern mit einem bestickten Rock aus dem indischen Gujarat und der charakteristisch bedruckten Toile de Jouy zu kombinieren.
„Ich habe endlich eine Arlésienne“, sollte Vincent van Gogh rund hundert Jahre später seinem jüngeren Bruder Theo schreiben, als er mit den Porträtsitzungen der Bahnhofscafé-Besitzerin Madame Ginoux begann. Dabei wollte der Maler im Süden eigentlich Japan finden. Und seinen Frieden. „Ich hoffe, dass später einmal andere Künstler in diesem schönen Landstrich erscheinen werden“, schrieb er im Mai 1888, ebenfalls an Theo. Das heutige Arles mit seinen Synergien, Stiftungen, Sammlungen hätte ihm wohl gut gefallen. Mit Les Rencontres d’Arles findet seit 1970 das älteste Foto-Festival der Welt (6. Juli bis 4. Oktober 2026) statt, mit Dutzenden Ausstellungen über die ganze Stadt verteilt, in Kirchen, Museen, Lagerhallen und Open-Air-Projektionen im antiken römischen Theater. Seit vielen Jahren mischt auch die Schweizer Pharma-Erbin Maja Hoffmann das kulturelle und gastgebende Leben der Stadt auf, investiert in ein besterntes Restaurant, in von namhaften Designern gestaltete Hotels – und erweckte eine elf Hektar große Industriebrache durch ihren 2021 eröffneten Kunst- und Kreativitätskomplex LUMA zu neuem Leben. Das Herzstück des Geländes bildet ein mit 11 000 Aluminiumelementen verkleideter Turm des Pritzker-Preisträgers Frank Gehry, der Ausstellungsräume, Ateliers und Archive beherbergt.
Die Stadt als Palimpsest zu sehen, fällt in Arles leicht. Durchdringen sich hier doch urbane Räume und historische Schichten auf Schritt und Tritt. Auch die Architekten des Studio KO, Karl Fournier und Olivier Marty, die vor knapp zehn Jahren mit ihrem Entwurf des Yves Saint Laurent Museum in Marrakesch für Furore sorgten, verschrieben sich beim Umbau vom Stadtpalais zum Musée de la Mode et du Costume diesen Überlagerungen. Sie wollten dem „verletzten Gebäude Eleganz und Leben verleihen, ohne es zu verraten“, skizzieren sie ihre Aufgabe. Es habe im 20. Jahrhundert, nach Nutzungen als Geburtsklinik und Budget-Hotel, seine Lesbarkeit verloren.
Doch nun ist hinter der klassisch inspirierten Fassade im hellen Kalk der Region die Ehrentreppe aus dem 18. Jahrhundert wieder freigelegt, die Enfilade-Abfolge der Salons, der Lichthof. Sie habe das Architekturstudio KO beim Scrollen auf Instagram gefunden, erzählt Agnès Costa-Webster lachend: „Ich war begeistert.“ Beim ersten Kennenlernen habe es aber einen Dämpfer gegeben, erinnert sich die Unternehmerin. Hätten die beiden Architekten zuvor doch nie an einem bestehenden Bau gearbeitet, sondern stets neu entworfen. „Aber wir konnten sie überzeugen“, freut sich die Mäzenin über die zeitgenössische Handschrift des Kreativduos im Innern des Hôtel particulier. In Manganschwarz gekleidete Ausstellungsräume zitieren die dunklen Nuancen der Arlesianertracht. Nicht nur sattes Gelb taugt zur Farbe des Südens – und wer wüsste das besser als die Arlésiennes.
Alle weiteren Arles-Tipps und Adressen finden Sie in SALON No. 47