Kultur

Ferien von ihren schönsten Seiten

An sonnigen Tagen am Strand oder auf der Liege im Schatten eines Baumes – egal wo Sie den Sommer verbringen, am schönsten geht man beim Lesen auf Reisen. Unser Kolumnist DENIS SCHECK empfiehlt die besten Bücher für einen erholsamen wie anregenden Urlaub

Text: SALON-Redaktion
15. April 2026
Ferien von ihren schönsten Seiten

„Maurice und Maralyn“

von Sophie Elmhirst

Können Sie sich vorstellen, mit ihrem Partner 118 Tage auf einer Rettungsinsel von 135 Zentimeter Durchmesser im Pazifik zu verbringen? Sophie Elmhirst schreibt die wahre Geschichte eines britischen Ehepaars, dem es so ergangen ist. Maurice ist Setzer und begeistert seine Frau Maralyn, Angestellte beim Finanzamt, für seinen Traum, auf einer selbstgebauten Yacht um die Welt zu segeln. Jahrelang legen die beiden jeden Penny zur Seite. Im Sommer 1972 ist es soweit. Ziel: Neuseeland. Dort kommen sie aber nie an. Nach einem Dreivierteljahr auf See, bringt ein Pottwal das Schiff zum Sinken. „Maurice und Maralyn“ ist nicht nur die Geschichte zwei moderner Robinson Crusoes, sondern auch das Psychogramm einer Ehe und eine Parabel über das Ausharren allen Widrigkeiten zum Trotz.

Goldmann Verlag, 273 Seiten, 22 Euro

„Liebe“

von Thomas Hettche

Dieses schmale, aber gewichtige Werk beginnt mit einem Satz, der zündet wie Dynamit: „Liebe ist eines jener seltenen Wörter, die uns auffordern zu tun, was sie bezeichnen.“ Ähnliche Wörter, die auch als Imperativ gelesen werden können, lauten Ehre oder Glaube. Der 61jährige Max trifft auf einer Party Anna, und beide spüren, daß sie füreinander bestimmt sind. Doch während Max seit sechs Jahren als Single in Berlin lebt, ist Anna in einer Ehe mit einem Notar vielleicht nicht glücklich, aber zufrieden. Thomas Hettche erzählt, wie auch in fortgeschrittenem Alter Liebe so existentiell erschüttern kann wie mit 16 oder 35. Hettche war schon immer einer der Schlausten seiner Generation, ein brillanter soziologischer Analytiker – aber eben auch ein Sprachartist, der stimmige Bilder findet für das, was in unserem Leben meist unartikuliert bleibt und es doch bestimmt.

Kiepenheuer & Witsch, 165 Seite, 22 Euro

„Liefern“

von Tomer Gardi

Tomer Gardi erzählt von einem aus Eritrea Geflüchteten, der in Tel Aviv Essen ausfährt. Von Lieferdienstfahrerinnen und -fahrern in Neu-Delhi, Buenos Aires und Berlin. Von Ausbeutung und elenden Lebensbedingungen. Der täglichen Schinderei. Der Angst vor der Polizei. Vor Gewalt im Straßenverkehr. Vor schlechten Bewertungen. Wie entgeht Gardi dabei den Gefahren eines voyeuristischen Sozialpornos? Durch Witz und Esprit. Kein Geld zu haben bedeutet nicht, keinen Humor zu besitzen. Das zeigt sich z. B. in der Reaktion eines Lieferfahrers auf einer Demo in Israel: „Diese verwöhnten, reichen Linken, die können sich das leisten, mitten an einem Arbeitstag. Und wir stecken im Verkehr. Sie spielen Demokratie, wir verlieren Geld.“

Klett-Cotta, 320 Seiten, 25 Euro

„Ghost Stories“

von Siri Hustvedt

43 Jahre war Siri Hustvedt (S. 184) mit dem Schriftsteller Paul Auster verheiratet. Wie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre in den 50ern und 60ern bildeten die beiden DAS Intellektuellenpaar um die Jahrtausendwende – mit der Pointe, dass Siri Hustvedt, die am Anfang vielfach nur als das Anhängsel von Paul Auster wahrgenommen wurde, am Ende international berühmter war als ihr Mann. Auch davon erzählt sie in „Ghost Stories“, einem Buch der Trauer, das zu gleich zeitig reflektiert, was Trauer eigentlich ist und neurowissenschaftlich betrachtet mit einem macht. Die Form einer essayistischen Collage ist luftig genug, um auch Platz für Briefe des an Lungenkrebs sterbenden Auster an seinen gerade geborenen Enkel zu bieten. Eine berührende und, insofern Literatur überhaupt ein Trost sein kann, tröstende Lektüre.

Rowohlt, 400 Seiten, 25 Euro

„Dunkle Renaissance“

Stephen Greenblatt

Die wenigsten Deutschen kennen Christopher Marlowe. Dabei führte dieser Zeitgenosse Shakespeares ein Leben, das einen James Bond erblassen ließe. Denn er schuf nicht nur unsterbliche Werke wie seinen „Dr. Faustus“, sondern reiste auch als Geheimagent aufs europäische Festland. Geboren als Sohn eines Schuhmachers in Canterbury, brilliert Marlowe als Schüler in Latein und Griechisch und kann dank eines Stipendiums in Cambridge studieren. Greenblatt, zu Recht gefeiert für seine Werke über Shakespeare und den Beginn der Renaissance, rekonstruiert aus unzähligen Mosaiksteinchen Marlowes Leben, das nach nur 29 Jahren ein blutiges Ende fand. Ihm gelingt es, die religiöse Raserei, die politischen Intrigen und den gefährlichen Alltag im elisabethanischen Großbritannien extrem anschaulich lebendig werden zu lassen. Weniger ein Buch, eher eine Zeitmaschine.

Siedler, 416 Seiten, 28 Euro

„Ihrer Zeit voraus“

Hier keine autoren geschrieben

Der neugegründete Berliner Lampe Verlag widmet sich der sträflich vernachlässigten Kunst der Erzählung und produziert sehr hübsch gestaltete Schuber, in denen vier oder fünf Erzählungen unterschiedlicher Autorinnen und Autoren unter einem thematischen Bogen versammelt werden. Die Kassette „Ihrer Zeit voraus“ bietet Geschichten früher feministischer Autorinnen wie Stella Kleve, Olha Kobyljanska, Annemarie Schwarzenbach und Virginia Woolf. Die aufregendste Entdeckung für mich war die Spanierin Emilia Pardo Bazán mit „Die Feministin“ von 1909, in dem sie einen Macho etwas von jener Arznei zu kosten gibt, mit der er seine bedeutend jüngere Frau jahrelang terrorisiert.

Lampe, Format 11 x 15 cm (A6), 22,70 Euro

„Ausradiert“

von Percival Everett

Ein großer satirischer Spaß – und leider bitterer Ernst im internationalen Literaturbetrieb. Percival Everett erzählt von einem schwarzen US-Amerikaner, der sein Studium in Harvard summa cum laude abschließt, mit seinen Romanen – „Neubearbeitungen von Euripides und Parodien auf französische Poststrukturalisten“ – aber auf wenig Gegenliebe stößt. „Einige Leute aus der Gesellschaft, in der ich lebe und die als schwarz beschrieben wird, sagen mir, ich sei nicht schwarz genug. Einige Leute, die von der Gesellschaft weiß genannt werden, sagen mir das Gleiche. Ich habe dies vor allem … gehört von Verlegern, die mich abgelehnt haben, und von Kritikern, die ich offensichtlich verstört habe.“ Also beschließt er, so zu schreiben, wie es von einem schwarzen Autor erwartet wird – und landet einen Riesenerfolg. Dass dieser Roman 2008 in einem deutschen Kleinverlag weitgehend unbeachtet blieb, wirkt wie ein Teil von Everetts brillanter Satire – der Vorlage für den Film „American Fiction“, der 2024 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.

Hanser Taschenbuch, 347 Seiten, 14 Euro

„Frauenprobleme“

von Lina Muzur (Hg.)

Ich wurde auf dieses Buch durch eine Kritik aufmerksam, die beschrieb, dass die Herausgeberin 27 Freundinnen gebeten hatte, in einer Sprachnachricht zu erzählen, wie es ihnen geht. Meine Reaktion war helle Empörung darüber, aus einer so dünn angerührten Suppe ein Buch zu machen. Aber der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Tatsache ist, dass die Erfahrungsberichte von Frauen zwischen 40 und 60 über das Zerriebenwerden zwischen Karriere, Pflege der Eltern, Kümmern um Kinder und Partnerschaft, „mental load“ und wie die buzz words des Zeitgeists alle heißen, ein hochspannendes Soziogramm dessen ergeben, wie Frauen in der Bundesrepublik Deutschland der Gegenwart ihr Leben wahrnehmen. Dieses Buch ist eine Einladung, seinem Denken ein Upgrade zu verleihen.

Hanser Berlin, 224 Seite, 22 Euro

„Die Reise ans Ende der Geschichte“

von Kristof Magnusson

Natürlich ist jeder Roman an sich schon eine „Reise ans Ende der Geschichte“. Allein dieser Wortwitz spricht für den deutsch-isländischen Autor Kristof Magnusson, der es schafft, Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte nach Beilegung des Kalten Krieges in Form eines höchst amüsanten Agententhrillers zu erzählen. Denn nicht für jeden war der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 eine gute Nachricht. Zum Beispiel nicht für den abgehalfterten BND-Agenten Dieter Germershausen, der nach 27 Dienstjahren deshalb beschließt, etwas für seine finanzielle Unabhängigkeit zu tun. Und dafür braucht er die Dienste eines naiven, jungen deutschen Dichters … Damit ist die Bühne bereitet für einen sehr unterhaltsamen Blick in den historischen Rückspiegel, der unsere heutigen Probleme angenehm relativiert.

Klett-Cotta, 288 Seite, 25 Euro

„Mitz“

von Sigrid Nunez

„Welches Tier passt zu mir?“ ist eine der Urfragen unseres Lebens. Leonard Woolf, der Ehemann von Virginia Woolf, beschloss 1934 aus einer Laune heraus, sein Leben mit einem aus dem südamerikanischen Dschungel ins kalte, regnerische England entführten Pinseläffchen namens „Mitz“ zu teilen. Und aus der Perspektive dieses Äffchen lernen wir Leserinnen und Leser in diesem originellen und niemals kitschigen Roman nicht nur die mehr als skurrilen Eheleute Woolf kennen, die gemeinsam den legendären Verlag Hogarth Press leiteten, sondern die gesamte Bloomsbury Group mit ihren visionären Ideen, kühnen Ambitionen und allzu menschlichen Eitelkeiten. Ein tierisches Vergnügen!

Aufbau Verlag, 141 Seite, 20 Euro