Kultur

In der Meisterklasse

In Wien feiert eine spektakuläre Ausstellung die Beziehung zwischen High Jewelry und kostbaren Kunsthandwerk: „Glanzstücke“ zeigt Schmuckobjekte von Van Cleef & Arpels im Dialog mit Meisterwerken aus der Sammlung des MAK, des Museums für angewandte Kunst. Die Schau ist in Fest fürs Auge – und zum 120 Geburtstag des Pariser Schmuckhauses

Text: Gabriele Thiels
16. Juni 2026
In der Meisterklasse
Unter dem Kapitel „Rhythmic Designs“ sind in der Schau Objekte zusammen gestellt, die dank ihrer Muster wie in Bewegung wirken: Stoff „Marina“ für die Wiener Werkstätte (1911/12), Choker und Armband aus der „Op Art“ Kollektion (1970) sowie zwei „Engelshaar“-Colliers von 1955, alle von Van Cleef & Arpels. Der Teller stammt aus der Kaiserlich-königlichen Porzellanmanufaktur in Wien, um 1798 © Van Cleef & Arpels

Was ist Luxus? Ein Platincollier, mit Diamanten besetzt, an dem große Smaragde wie Tropfen hängen. Ein kleines Ölbild von Gerhard Richter. Eine Clutch, ganz aus Goldgeflecht gefertigt. Ein Abendkleid aus schwarzem Chiffon mit Fledermausärmeln und geometrischen Stickereien aus Goldstäbchen. Die goldene Miniatur einer Yacht auf einem Meer aus Jaspis und ein großer, sehr alter und überaus rarer Teppich mit einem reichen Dekor aus Mustern und Schiffen. Und manchmal bedeutet Luxus einfach ein paar Stunden im Museum: um all das zu sehen und zu entdecken, wie gut es zusammenklingt. „Glanzstücke“ heißt die Ausstellung, die zurzeit (bis 27. September) im Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien zu sehen ist. Sie lässt 160 der schönsten Objekte aus der reichen Sammlung des Hauses und gut 350 Meisterwerke aus den Archiven des Pariser Haute Joaillerie-Hauses Van Cleef & Arpels miteinander in Dialog treten. Geordnet in sechs Kapitel – Fernweh, Architektur, Rhythmus, „Bühne frei!“, Metamorphose und Natur & Kosmos, werden sie in einer Art Erlebnisparcours inszeniert, der Gattungen, Jahrhunderte, Stile, Materialien und groß und klein mühelos verknüpft.

Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, von beiden Häusern im intensiven Austausch entwickelt und für beide ein Gewinn. Die Stücke von Van Cleef & Arpels lenken mit der offensichtlichen Schönheit, die Haute Joaillerie auszeichnet, die Aufmerksamkeit auf die Kostbarkeit und Bedeutung der Museumsobjekte. Diese wiederum zeigen die kulturelle Bandbreite und historische Tiefe, in der der Schmuck des Pariser Schmuckhauses verankert ist. Das MAK, 1863 gegründet, und damit (nach dem V&A in London), das zweitälteste Museum für angewandte Kunst weltweit, umfasst Epochen von der Gotik bis zur Gegenwart und ist vor allem bekannt für seine Sammlung zur Wiener Moderne mit Werken von Gustav Klimt, Koloman Moser oder Josef Hoffman um 1900. Die von den beiden letzteren gegründete Wiener Werkstätte gilt als Vorläufer des Art Deco – jener Bewegung, die Van Cleef & Arpels in den 1920ern zum internationalen Durchbruch verhalf. Im Jahr 1906 in Paris gegründet, begeht Van Cleef & Arpels mit der Schau in Wien auch seinen 120. Geburtstag auf die denkbar schönste Weise. Es ist die reine Augenfreude.

Denn die Schau lenkt den Blick auf das, was die Maison ausmacht. Sie gehört zum kleinen, erlesenen Kreis der Haute-Joaillerie-Häuser, die in Handarbeit märchenhaft schöne Einzelstücke fertigen, jedes eine Leistungsschau der Juwelierkunst und eine Feier rarer Steine und Materialien, atemberaubend kostbar und prestigeträchtig. Gegründet wurde es von Alfred Van Cleef und seinem Schwager Charles Arpels (dessen Brüder Jules und Louis bald hinzukamen). Beide kannten das Geschäft, Alfred war Edelsteinschneider, Charles’ Familie handelte mit Diamanten. Sie wussten, was sie wollten, wie schon die Adresse ihres ersten Geschäfts zeigt. Es war (und ist bis heute) an der noblen Place Vendôme gelegen, gegenüber dem Grandhotel Ritz. Die vermögenden Kosmopoliten, die dort abstiegen, gehörten bald ebenso zu ihren Kunden wie die Pariser Hautevolee.

Schnell kamen Verkaufsstellen in mondänen Urlaubsorten wie Deauville oder Cannes hinzu, 1942 eröffnet die erste Boutique auf der 5th Avenue in New York, 1970 eine Niederlassung in Japan, die erste eines französischen Juweliers überhaupt. Bis 1999 im Besitz der Gründerfamilie, gehört das Unternehmen heute zum Richemont-Konzern. Van Cleef & Arpels hat indische Maharadschas beliefert und amerikanische Millionenerben, die Krone von Farah Pahlavi von Persien gefertigt und den Verlobungsring von Jackie Kennedy. Die Callas und Liz Taylor waren Stammkundinnen, und heute tragen Stars wie Margot Robbie und Viola Davis die spektakulären Colliers auf dem roten Teppich.

Der Erfolg des Hauses gründet sich verkürzt gesagt, auf eine unverwechselbare Mischung aus Poesie, Savoir-faire und Tüftlertum. Blumen, Elfen, Ballerinen und Schmetterlinge gehören zu den wiederkehrenden Motiven für Broschen, Anhänger, Ringe und Colliers. Sie werden vor allem mit farbigen Edelsteinen gestaltet. Diese sind dabei oft dank einer bahnbrechenden Technik unsichtbar ausgefasst: „Mystery Set“ heißt diese Innovation, für die Van Cleef & Arpels 1933 das Patent erhält. Ohne Krappen und dank eines eigens entwickelten Schliffs werden die Steine nahtlos aneinandergesetzt und bilden eine fließende Oberfläche. Sie lässt Blütenblätter natürlicher, Feenflügel zarter, Falten schwungvoll und Schleifen weich wie aus Stoff gebunden wirken.

Bewegung ist nicht nur die Inspiration für Tänzerinnen- und Feen-Clips, sie wird oft auch direkt übersetzt in mechanische Kreationen wie die prächtig verzierten „Secret Watches“, deren Zifferblätter sich in Blüten, Kapseln, unter Blättern verstecken, die man zum Öffnen drehen, heben, schieben oder aufklappen kann. Da ist etwa das Collier „Zip“, die größte Ikone des Hauses. Sie ist in der Wiener Ausstellung gleich in mehrerer Varianten zu sehen, spektakulär in Szene gesetzt neben einer der großen Ikonen des MAK, einem Paravent mit Goldblattbelag und Frauenportraits, der 1906 nach Entwürfen von Kolomann Moser entstand. Für „Zip“ stand ein Reißverschluss Pate, man kann das Collier tatsächlich zuziehen und dann als Armband tragen. „Zip“ kam 1950 auf den Markt, doch die Entwicklung hatte mehr als zehn Jahre gedauert. Der kreative Auslöser waren Elsa Schiaparellis Couture-Kleider, bei denen Reißverschlüsse erstmals offen zu sehen und Dekor waren.

Mode ist eine konstante Anregung für das Haus. Das Armband „Ludo“ etwa, breit wie eine Manschette und aus einem Gewebe unzähliger sechseckiger Goldglieder gefertigt, sieht wie ein Gürtel aus, Troddeln und Kordeln werden zu Colliers. Und als sich die Kundschaft allmählich wandelte, eröffnete Van Cleef & Arpels, auch darin den Couture-Häusern folgend, schon 1954 „La Boutique“, ein Geschäft mit leicht zu tragenden Stücken – Prêt-à-porter-Schmuck gewissermaßen. Der fand seine Ikone 1968 in „Alhambra“. Das Kleeblatt-Design ist Glücksbringer und unkomplizierter Alltagsbegleiter, es war wie gemacht für eine neue Generation von Frauen, die ihr eigenes Geld verdienten und sich ihren Schmuck selbst kauften.

Die Nahbarkeit, die diese Kollektion verkörpert, praktiziert Van Cleef & Arpels inzwischen auch auf andere Weise. Mit viel Enthusiasmus teilt das Haus seine Archive und sein Know-how mit der Allgemeinheit: 2012 wurde in Paris „L’École Van Cleef & Arpels“ gegründet, eine Schule, die für Laien Kurse in den verschiedenen Disziplinen der Juwelierkunst anbietet. Es gibt Ausstellungen, die sich, wissenschaftlich recherchiert und längst nicht nur mit eigenen Objekten bestückt, etwa der Geschichte der Schmuckzeichnung widmen, und kürzlich ist eine kleine Edition von Romanen erschienen, die alle irgendwie von Edelsteinen handeln.

Vor allem aber kauft das Haus seit den 1970er-Jahren systematisch historische Schmuckstücke zurück, die exemplarisch für seine stilistische und handwerkliche Entwicklung stehen. Mit dieser Patrimonial Collection sichert  Van Cleef & Arpels sein Erbe für zukünftige Generationen. Und teilt sie großzügig. „Glanzstücke“ ist dafür das schönste Beispiel.

„Glanzstücke. Van Cleef & Arpels High Jewelry x Masterpieces from the MAK Collection“
MAK Museum Wien, MAk.at
Die Ausstellung ist bis zum 27. September 2026 zu sehen