Reise

Dresden im Advent

Prachtvolles Barock, märchenhafte Schlösser und das älteste Porzellan Europas – in Dresden wurde die Schönheit erfunden, schrieb der Aufklärer Winckelmann. Und wo die Stadt am allerschönsten ist, haben uns Künstlerinnen, Galeristen und andere kreative Bewohner gezeigt

Text: EVELYN PSCHAK VON REBAY
Fotografie: STEPHANIE FÜSSENICH
5. November 2026
Dresden im Advent
AUF DER MORITZBURG: Knappe 15 Kilometer nördlich des Dresdner Innenstadt liegt das Örtchen Moritzburg mit der ehemaligen Jagdresidenz der Kurfürsten und Könige von Sachsen. 1972 war sie Drehort für die Außenaufnahmen des Filmklassikers „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Von November bis Februar strömen Jahr um Jahr Fans zur Ausstellung mit Requisiten und Histörchen und bilden Schlangen an der Freitreppe, wo sich am bronzenen Schuh die eigene Prinzessinnentauglichkeit überprüfen lässt

Die Künstlerin Stefanie Hollerbach sitzt im Atelier in der Pfotenhauerstraße. Oder wie die meisten Dresdner sagen: „Auf der Pfote.“ Es gehört zur Hochschule für Bildende Künste, wo die 26-Jährige, die in Oberammergau Holzbildhauerei gelernt hat, gerade ihr Studium bei Alicja Kwade abgeschlossen hat. „In meinen Arbeiten treffen Leichtigkeit und Stabilität aufeinander“, sagt sie. Ihre Werke sind sowohl zwei- als auch dreidimensional und stehen sich oft gegenüber: „Es geht um die Auseinandersetzung mit Raum und Wahrnehmung.“ Ist Stefanie mal nicht im Atelier, besucht sie gern die Galerie Stephanie Kelly oder das Café Thalia – „Am liebsten sitze ich auf den breiten Fensterbänken“ –, zu dem auch ein Kino gehört, hfbk-dresden.de, stephanie-kelly.de, thalia-dresden.de/daskino.html

Auf knapp 250 m2 handbemalten Villeroy-&-Boch-Fliesen ist ganz schön was geboten: Ein Putto trinkt aus einer Schale, zu seinen nackten Füßen die Milchkanne. Der nächste hält das Cremometer, um den Sahneanteil der Milch zu bestimmen, und das Engelchen am Eisschrank wärmt seine Hände in einem Muff. 1892 entstand das Stammhaus aller Pfund-Molkereien, das wie durch ein Wunder die Bomben von 1945 und die sozialistische Planwirtschaft überlebt hat. 1997 kam es sogar als schönster Käseladen ins Guinness-Buch der Rekorde. Der Dresdner Schriftsteller Erich Kästner beschrieb das Geschäft in seinen Kindheitserinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“ und WesAnderson wählte es als Drehort für die Konditorei Mendl’s in „The Grand Budapest Hotel“, pfunds.de

Im Januar 1988 eröffneten Ralf (li. im Bild) und Frank Lehmann in ihrer gemeinsamen Wohnung einen Projektraum. Es habe damals allerorten illegale Ausstellungen gegeben, „da die Anzahl der Studierenden, die in der DDR offiziell Künstler sein durften, stets geringer war als jene, die als Künstler arbeiten wollten“, erzählt Ralf Lehmann. Nach der Wende ging es nahtlos weiter, nur eben fortan ohne Heimlichkeit. „Zum Glück“, sagt Frank Lehmann. „Man will ja mit der Kunst nicht gegen etwas arbeiten, sondern für etwas.“ Und das tun die beiden mit ihrem breiten Spektrum neuerer deutscher Malerei. Die jüngste Künstlerin im Portfolio? Stefanie Hollerbach. Wohin die beiden Galeristen mit ihren Künstlern und Kunden gerne essen gehen? „Am liebsten in die Trattoria la Piazzetta, nur wenige Meter entfernt.“ Wo gibt es den besten Stollen? „Bei der Konditorei Maaß in Dresden-Pieschen.“ Und wo erholen sie sich vom Kunstmarkttrubel? „Beim Schnitzen im Renaissance-Gewölbe des Heimatkunstmuseums.“ Dort kann man zur Adventszeit Kunsthandwerkern aus Dresden und dem Erzgebirge beim Klöppeln, Spinnen und Weben zuschauen. Inmitten der Ausstellungsräume wie etwa der Damastweberstube oder zwischen den Vitrinen mit Holzmodel für Honig- und Pfefferkuchen oder neben den mannshohen Figurinen aus ausgehöhlten Baumstämmen, die im 19. Jahrhundert als Bienenstöcke sehr beliebt waren, galerie-gebr-lehmann.de, trattorialapiazzetta.de, cafe-maass.de, volkskunst.skd.museum

Der Striezelmarkt wurde 1434 gegründet und eröffnet nun schon zum 592. Mal auf dem Altmarkt seine Buden. Sein Name geht auf den Dresdner Stollen zurück: Im Mittelhochdeutschen bezeichnete Striezel ein längliches Hefegebäck. Wer das EU-weit geschützte Markenprodukt backen und verkaufen darf, wird durch einen eigenen Schutzverband geregelt, der jährlich neu prüft, welcher Striezel das goldene Siegel tragen darf. Und wie der schmecken muss, kann man in der Schaumanufaktur des Striezelmarkts probieren, 25.11.–24.12.

Am Neumarkt an der Frauenkirche zeigen Vergolder, Täschner und Glockengießer ihr Können. Zudem gibt es Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge und einen Stand nur für Herrnhuter Sterne: Der Exportschlager, an dem die protestantische Freikirche Herrnhuter Brüdergemeine bis heute die Markenrechte hält, entstand 1897: „Nur echt mit 25 Zacken“, wird er in der Oberlausitz gefertigt. In Dresden hängen diese Sterne überall: auf Baustellen, Balkonen und in der Laterne über der Kuppel der Frauenkirche, 28.11.–23.12.

„Jedes Jahr führen wir zur Weihnachtszeit das Ballett ,Der Nussknacker‘ auf. Sobald Tschaikowskis Melodien aus den Probesälen erklingen, ist klar: Bald erstrahlt wieder ein Schwibbogen auf der Semperoper-Bühne“, so die Schweizerin Nora Schmid, die vor ihrer Intendanz in Graz und nun hier in Dresden bereits als Chefdramaturgin an der Sächsischen Staatsoper tätig war. „Gleich die erste Szene zeigt den Striezelmarkt mit dem Zwinger im Hintergrund!“ Für die Adventsstimmung an der frischen Luft dagegen empfiehlt Nora Schmid die Eislaufbahn auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch: „Hier lassen sich mitten in der Natur bei Weihnachtsmusik Pirouetten drehen.“ Wer es wärmer mag, dem legt Nora Schmid eine heiße Schokolade im Chirel in der Neustadt ans Herz. Was ihr an ihrer Wahlheimat ganz besonders gefällt: „Diese Weite, der Himmel über der Elbe, das Licht.“ Gut zu sehen von den Türmen der Kreuz- und der Dreikönigskirche sowie von der Kuppel der Frauenkirche, semperoper.de, konzertplatz-weisser-hirsch.de, chirel.de

Minimal Art, Konzeptkunst und Arte Povera: Rund 1,5 Millionen Objekte vermachte der im vergangenen März verstorbene Egidio Marzona – Sammler, Mäzen und Verleger – dem Freistaat Sachsen. Zu bewundern ist das Erbe im Archiv der Avantgarden, kurz: ADA. Sein beeindruckendes Béton-brut-Interior versteckt sich hinter der ebenfalls beeindruckenden Barockfassade des historischen Blockhauses am Neustädter Markt. 2024 eröffnet, wurde es prompt vom Kunstkritikerverband AICA zum Museum des Jahres gekürt, archiv-der-avantgarden.skd.museum

Seit acht Jahren bringt der gemeinnützige Verein internationale Künstlerinnen nach Dresden. Und wurde dafür bereits mehrfach preisgekürt. Den Friedrich-Kracht-Brunnen vor dem Plattenbau-Ensemble, das den Kunstverein und u. a. auch die Galerie der Gebr. Lehmann beherbergt, nennt die Vorständin Adina Rieckmann „ein Kunstwerk in Bewegung“. Stundenlang könne sie den Wasserbildern beim Entstehen und Vergehen zusehen: „Dort finde ich Ruhe, vergesse die Zeit.“ Und wo sie sich gern die Zeit versüßt? Im Villandry bei einer Crème brulée. „Die knusprige Karamellschicht und die cremige Füllung schmecken zusammen einfach unglaublich lecker.“ kunstvereindresden.de, villandry-dresden.de

Das Taschenbergpalais ließ August der Starke Anfang des 18. Jahrhunderts gleich neben dem Residenzschloss erbauen – für seine Mätresse, die Gräfin Cosel, die hier aufs Pompöseste residierte. Bis sie in Ungnade fiel. Wer heute im Taschenbergpalais schlafen möchte, ist glücklicherweise nicht mehr auf die Gunst sächsischer Kurfürsten angewiesen, sondern checkt einfach ein in einem der 211 Zimmer und Suiten (oben rechts). 1995 als erstes Fünf-Sterne-Haus Sachsens eröffnet, wurde das Hotel 2024 erneut umfassend renoviert. In der Amalie-Pâtisserie serviert man Zitrus-Käsekuchen mit Proschwitz-Weingelee und die Bar 1705 wurde gerade zur Hotelbar des Jahres gekürt. Unbedingt probieren: Cocktail „Concierge“ mit Tequila blanco, gerösteter Kokosnuss und San-Marzano-Tomate. Ab 250 Euro/DZ, kempinski.com/de/hotel-taschenbergpalais

Die komplette Geschichte mit noch viel mehr Tipps finden Sie in SALON No49

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