Wir treffen uns im gerade eröffneten neuen Kunstraum, der CASABIANCA, einer Villa, 1930 mitten in Como im Stil des Rationalismus von dem Architekten Piero Ponic erbaut. Jetzt beherbergt sie die Kunstsammlung von Paolo und Antonella De Santis und im Erdgeschoss ein Café, einen Ableger der Mailänder Pâtisserie Cova.
Die Familie De Santis besitzt das 1910 erbaute Grand Hotel Tremezzo, 2022 eröffnete Tochter Valentina das Hotel Passalacqua. Mit Stil, Traditionsbewusstsein und einer gehörigen Portion Risikobereitschaft hat das Trio aus Norditalien der Welt gezeigt, wie man Begehrlichkeiten weckt bei einer internationalen Klientel, die schon alles hat.
SALON Mit Ihren beiden Häusern, dem Grand Hotel Tremezzo und dem Passalacqua, gehören Sie zu den prägenden Hoteliers am Comer See. Mit CASABIANCA haben Sie nun ein weiteres Haus geöffnet. Wie sind Sie dazu gekommen?
Paolo De Santis: Diese Villa stand schon einige Jahre zum Verkauf, wir hatten sie schon im Blick, aber für ein Hotel war sie zu klein. Als das Haus vor zwei Jahren immer noch zu haben war, konnten wir es erwerben, um hier einen Ort für unsere Kunstsammlung zu schaffen.
Ein Museum?
Antonella De Santis: (lacht) Oh, Museum, das klingt zu wichtig. Es soll eigentlich wie ein zweites Zuhause von uns sein, in dem wir nicht wohnen, sondern unsere Kunst ausstellen, offen für jeden.
Valentina De Santis: Es ist ein Herzensprojekt. Es geht darum, die Sammlung öffentlich zugänglich zu machen und auch für die Stadt Como einen Ort zu schaffen, an dem überhaupt zeitgenössische Kunst stattfindet. Wir wollten etwas Schönes erschaffen und es teilen, mit der Stadt und mit unseren Gästen.
Wird es auch Hotelzimmer geben?
Valentina: Es wird drei Zimmer im oberen Stockwerk geben, die wir im Moment noch renovieren. Das gesamte Haus lädt zum Verweilen ein, darum gibt es auch in allen Zimmern Sofas, Sessel, Tische und Bücher. Und es gibt keine Namen an den Kunst- werken. Man soll hier die Schönheit genießen und einfach Zeitverbringen.
Wie ist die große Leidenschaft der Familie De Santis für Kunst entstanden?
Paolo: Wir sammeln seit den 80er-Jahren, begonnen hat alles im Atelier des Designers und Architekten Ico Parisi hier in Como. Er und seine Frau Luisa waren die größte Inspiration für uns, sie haben uns die Kunstwelt nahegebracht und unsere Augen und unsere Herzen geöffnet.
Valentina, im Juni 2022 haben Sie nach drei Jahren Renovierung das Fünf-Sterne-Haus Passalacqua eröffnet, das binnen kürzester Zeit zum besten Hotel der Welt gekürt wurde. Das Gebäude von 1787 liegt auf einem grandiosen Grundstück am Wasser. So ein Haus hier am Comer See zu finden und zu kaufen, ist das eine einmalige Gelegenheit im Leben?
Valentina: Als wir es das erste Mal besichtigt haben, waren wir sofort verliebt und entschlossen, es zu kaufen. Wir waren sehr spät dran, und natürlich gab es viele sehr potente internationale Interessenten. Der große Trend hier in Como ist, dass die schönen geschichtsträchtigen Häuser, in denen italienische Familien seit Generationen lebten, an Investoren aus aller Welt gehen. In diesem Fall war es das Gegenteil. Es war eine amerikanische Familie, die es schon seit 20 Jahren besaß, und es war eines der wertvollsten und bedeutendsten Gebäude der Region, das zurück an uns ging. So etwas ist in den letzten 50 Jahren nicht passiert. Für uns, die Comaschi, so nennen sich die Leute von hier, war das ein Moment, der uns alle stolz gemacht hat.
Was ist das Besondere an dem Gebäude?
Valentina: Das Haus ist immer eine Privatvilla gewesen. Es wurde 1787 von einer Familie aus Como gebaut, als Sommerresidenz, aber schon damals als Ort, um Gäste zu empfangen, darunter viele Musiker und Schriftsteller. Als wir das Anwesen entdeckten, hatten wir diesen Traum, dass wir hier etwas komplett anderes machen können, etwas, das es so am Comer See noch nicht gab. Das Haus hat nur 24 Zimmer, sehr großzügige Räume und einen Park bis unten ans Wasser. Die Atmosphäre, die Gastfreundschaft, wir wollen sehr familiär sein. Es soll sich anfühlen, also ob du die Ferien bei guten Freunden verbringst, die ein schönes Anwesen am See haben.
Und im Grand Hotel Tremezzo fühlt man sich wie in Wes Andersons Film „Grand Budapest Hotel“.
Valentina: Das Grand Hotel Tremezzo hat 77 Zimmer, und es ist wahrscheinlich das einzige Luxushotel am See, das gebaut wurde, um ein Grandhotel zu sein. Die damaligen Erbauer, ein Paar aus Bellagio, waren große Reisende, sie hatten die Grand Tour durch Europa gemacht. Ihnen verdankt das Hotel die Fassade im Liberty-Style, inspiriert von den großen Hotels, die sie damals in den Hauptstädten Europas sahen.
An vielen Ecken rund um den See herrscht immer noch eine romantische Ferienstimmung, wie in Italien in den 60er-Jahren. Was ist das Geheimnis dahinter?
Paolo: Unser Glück ist, dass wir zwischen Alpen und Wasser so wenig Platz, also auch wenig neue Bauflächen, am Ufer des Sees haben. Es ist also immer noch sehr intim. Besonders Moltrasio, wo das Passalacqua liegt, ist ein kleines, lokales, süßes Dorf. Das ermöglicht unseren Gästen, eine sehr authentische Erfahrung zu haben. Was allerdings natürlich nicht fehlen darf: mit dem Boot rausfahren und den See vom Wasser aus erkunden.
Insbesondere der Erfolg des Passalacqua zeigt, dass die Nachfrage nach Luxushotellerie steigt. Stimmen Sie mir zu?
Valentina: Ja, in den letzten Jahren gab es einen großen Shift von Gütern zu Erfahrungen. Und wir profitieren davon, dass für Reisen mehr Geld ausgegeben wird. Die Leute sind nicht mehr bereit, sich auf Kompromisse einzulassen, egal, was sie tun, wohin sie reisen oder was sie erleben.
Welche Hotels inspirieren Sie persönlich?
Valentina: Wir sind große Hotel-Liebhaber, ich habe immer noch die Bilder, die ich als Kind mit einer kleinen Kamera gemacht habe. Auf den meisten sieht man nur Details, vom Bett, von der Badewanne. Das hat mich immer am meisten interessiert. Jedes Hotel hat seine eigene Persönlichkeit, man kann immer Inspirationen von anderen Hotels bekommen. Und das mache ich, ich sammle Ideen auf jeder Reise.
Paolo: Wir orientieren uns stark an anderen italienischen Hotels. In Italien gibt es viele Familienhotels, die nicht perfekt sind. Aber oft haben sie Besonderheiten, in den Räumen, im Garten. Und das macht den Unterschied.
Antonella: Wir versuchen, in jeden Raum etwas Besonderes zu bringen, einen eigenen Touch. Eine Antiquität zum Beispiel.
Nach der CASABIANCA, was ist Ihr nächstes Ziel?
Valentina: Jedes Projekt, das wir verwirklicht haben, entstand nur, weil wir etwas Besonderes gefunden hatten. Mein Vater sagt, dass man die Messlatte immer höher setzen muss. Zuerst muss man sich verbessern, dann schauen wir, was passiert.
Finden Sie mehr über das Grand Hotel Tremezzo in der SALON No. 46