Reise

Genuss mit Geschichte

Ein Jahrhundert lang war die Villa am Gardasee Sommersitz einer der berühmtesten Familien Italiens – der Feltrinellis. Das Anwesen schrieb Geschichte und einen Polit-Thriller. Nun feiert es sein 25-jähriges Bestehen als Boutique-Hotel

Text: Lenz Koppelstätter
Fotografie: Peter Unterthurner
3. September 2026
Genuss mit Geschichte
Erbaut wurde die historistische Villa ab 1892. Auftraggeber war die Unternehmerfamilie Feltrinelli, die mit Forstwirtschaft, Holzhandel und Papierproduktion ihr Geld verdiente

Der Magnolienbaum war zuerst da. Und er sollte bleiben. Für immer. Die Familienvilla, der Sommersitz der Feltrinellis am Gardasee, würde ein paar Meter dahinter entstehen, um ihm trotz ihres orangegelb gestreiften Gemäuers, dem eckigen Türmchen und den Zinnen, die an Ritterburgen erinnern, nicht die Schau zu stehlen. Und genauso ist es geschehen. Wer heute mit dem Riva-Motorboot von der Wasser­seite anreist – übrigens die schönste Ankunftsvariante – kann nur staunen: Das Schlösschen und der prächtige Magnolienbaum nehmen sich gar nichts. Im Gegenteil: Gemeinsam wirken sie doppelt schön.

Es ist ein lauer Spätsommerabend, auf der venezianisch anmutenden Terrasse reicht der Maître schon mal ein paar Kleinigkeiten: Ceviche vom Wolfsbarsch, mit Krabben gefüllte Tomate, Kaviar. Roh marinierte Barbe mit Pfifferlingen.

Ja, die Feltrinellis, sie verstanden etwas von den schönen Dingen im Leben – auch von Bäumen. Es war Giacomo Feltrinelli, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Ruhm der Familie begründete. Nachdem der mittellose Mann als jüngstes von dreizehn Geschwistern erst mit Mehl und Mais, später mit Kohle gehandelt hatte, kam schließlich mit dem Holzgroßhandel der Reichtum. Bald rollte sein Holz auf eigenen Schienen über den gesamten Kontinent. Die Familie erwarb Ländereien von Kärnten bis zum Balkan und stieg ins Bankwesen ein. Anno 1892 lässt der Patriarch, der längst zur italienischen Industriellenbourgeoisie zählt, die Villa erbauen. Hier in Gargano, am Ostufer des Gardasees, dem See aller Seen, im Norden einem norwegischen Fjord gleich, im Süden karibisch anmutend.

Das letzte Glitzern der Abendsonne auf dem schon schwarzblauen Wasser. Ein Schwan schaukelt auf den Wellen. Der Kies knirscht. Das kleine Wäldchen liegt bereits im Schatten, die akkurat gestutzte Krocket-Wiese ebenso.

Als im 17. Jahrhundert Patres des Franziskanerordens Zitronen aus Sizilien an den See brachten, war Gargano – D. H. Lawrence würde das Städtchen später literarisch verewigen und Winston Churchill es in Öl malen – noch ein verschlafenes Nest. Erst die Engländer haben den See als Urlaubsdestination entdeckt. Im Winter. Sie liebten das milde Klima, mieden jedoch die Sonne. Blässe galt als vornehm. Braun gebrannt waren nur die Fischer.

Eine Marmortreppe führt auf die kleine Terrasse hinauf, hinein ins Haus. Feine Samtgarnituren, Stoffe von Rubelli, dem venezianischen Familienunternehmen, das vor rund dreißig Jahren den goldenen Vorhang des Bolschoi-Theaters in Moskau hergestellt hat. Auf der bemalten Decke: pummelige Engelchen mit Blumengeflecht vor hellblauem Himmelszelt. In einem der hinteren Zimmer, an einem schweren Kastanienholztisch, unter einem noch schwereren Kronleuchter, sitzt der zweifach besternte Chefkoch des Hauses, Stefano Baiocco. Er rückt mit einer Pinzette Tomatenstückchen auf einem Teller zurecht, eines seiner bekanntesten Gerichte: Tutto pomodori; die 52 unterschiedlichen Tomatensorten stammen von einem Biobauernhof aus Südtirol.

Zeit für einen Abendspaziergang. An der rund 230 Jahre alten Magnolie vorbei, dem japanischen Ahorn, einer Linde, einem Fliederbaum, den Zypressen. Hinüber zur Limonaia, die auch den Kräutergarten beherbergt: Schafgarbe, Erdbeeren, Meerfenchel, Ananassalbei; in den Ritzen der Trockensteinmauern: Kapern. So viele Kapern. Mit wem der mythenumwobene Verleger Giangiacomo Feltrinelli, der Enkel Giacomos, hier wohl alles entlangspaziert sein mag?

Die europäische Holzunternehmung war zu einem weltweiten Geschäft geworden. Pitchpine, Douglasie und Iroko aus Nordamerika, Teak aus Asien und Mahagoni aus Afrika. In Italien gehörte das Bauwesen alsbald zum Portfolio wie die Chemie-, Textil- und Wasserindustrie. Giangiacomo verbrachte seine Kindheit und Jugend im Luxus. Und doch, schön war sie nicht. Carlo, der Vater? Nie da. Als sich die Eltern trennen, ist der Junge sieben Jahre alt. Die Mutter? Exzentrisch, von sich selbst besessen. Bei einem Jagdunfall verliert sie das rechte Auge. Sie lässt sich das Jagdgewehr umbauen, sodass sie mit dem linken Auge zielen kann – und trägt von da an Monokel. Giangiacomo Feltrinelli und seine Halbschwester aus einer neuen Liaison der Mutter, leben ein Jetset-Leben: Kreuzfahrt nach Rhodos. Empfang beim ägyptischen König. Lunch mit dem italienischen Kronprinzen. Von einer Gouvernante erzogen, werden sie isoliert von anderen Kindern groß. Giangiacomos Klaustrophobie rührt daher, dass er als kleiner Junge, wenn er etwas – und auch wenn er nichts – ausgefressen hatte, bei Wasser und Brot in den Keller gesperrt wurde.

Der bordeauxrote Teppich dämpft die Schritte. Die Möbel, Spiegel und Bilder, an denen man im Hotel vorbeischreitet, alles Einzelanfertigungen, vieles Erinnerungsstücke. Links, am dunklen Marmortisch vorbei, führte eine Treppe in die oberen Etagen. Der Messingschlüssel knackt in der Tür der Al-Lago-Suite. Der Blick reicht vom Bett über den Steinbalkon über den See bis zum östlichen Ufer hinüber. Hier wird wohl auch Benito Mussolini gestanden haben, als er, aus Rom vertrieben, am See die Republik von Salò gründete und die vom faschistischen Regime beschlagnahmte Villa zu seinem eigenen Domizil auserkor. Erst nach dem Krieg gelangte das Anwesen wieder in Familienbesitz. Leise Musik. Giuseppe Verdi. „La Traviata“. Am Bettkästchen ein schwerer, goldener Schalter mit schwarzen Knöpfen: „Classical“, „Opera“, „Jazz“, „Pop“, „Relax“.

Unten in der Küche wird inzwischen das Lammfilet mit süßer Friggitello-Schote und Kardamom zubereitet, auf der Terrasse die Lasagne mit Algen und Plankton gereicht.

Mit 18 Jahren schließt sich Giangiacomo Feltrinelli den Partisanen an. Im März 1945 tritt er der Kommunistischen Partei Italiens bei. Nachdem er sein Erbe angetreten hat, gründet er seinen Verlag, trickst das Politbüro in Moskau aus, um an das Manuskript von Boris Pasternaks „Doktor Schiwago“ zu gelangen, und landet damit einen Welterfolg. Salonkommunist aus feinem Hause, misstrauisch beäugt von den Sowjet-Granden, gern gesehener Gast auf Bällen der High Society in Hamburg, Paris, Mailand. Das Glück scheint ihm hold. „Der Gattopardo“ des Grafen Giuseppe Tomasi di Lampedusa wird sein zweites verlegerisches Meisterstück. Dass darin die alte Herrschaftswelt nostalgisch betrauert wird, ist ihm schnurz. Er schätzt die literarische Kraft. Bald verlegt der neue, hell leuchtende Stern der Bücherbranche Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Günter Grass, Doris Lessing, James Baldwin und Henry Miller. Gabriel García Márquez ist zum Abendessen geladen. Rudi Dutschke erholt sich bei Feltrinelli von dem auf ihn verübten Attentat. Der Verleger reist nach Kuba zu Fidel Castro. Sie sitzen gemeinsam vor dem Radio, als der Tod von Ho Chi Minh verkündet wird. Castro weint.

Wenn es kalt wird, ruht die Villa, in der sich sonst hundert Bedienstete um gerade mal 40 Gäste kümmern. Drei Monate hält sie Winterschlaf. „Die alte Dame braucht das“, erklärt Chefkoch Baiocco und drapiert die Desserts. Gerollte Crêpes mit Joghurt-Espuma, Rosmarinblüten, Kaffeepudding mit Kapern und Majoran. „In dieser Ruhephase sind 30 Handwerker im Haus. Tag für Tag. Da wird repariert, restauriert, ausgebessert. Es hört nie auf.“

Auf einem der Couchtische liegt ein Fotoband von Inge Feltrinelli, der dritten Ehefrau von Giangiacomo. Geborene Schönthal. Aufgewachsen in Essen, dann weltweit gefeiert als Fotoreporterin. Für Magazine wie „Constanze“, „Life“, „Stern“. Auf Kuba lockt sie Ernest Hemingway samt frisch gefangenem Schwertfisch vor die Linse, in New York erwischt sie Greta Garbo an einer Fußgängerampel. Irenes Mann, der Verlagschef ? Entscheidet sich für die Revolution, gründet eine proletarische Untergrundzelle, verschwindet. Das Buchgeschäft? Dümpelt vor sich hin.

Am 15. März 1972 wird Giangiacomo Feltrinelli auf einem Feld am Stadtrand von Mailand gefunden. Tot. Neben einem mit Sprengstoff drapierten Strommasten. Ein Unfall, heißt es, er sei gestorben, als er den Mast sprengen wollte. Was genau geschehen ist? Bis heute ein Rätsel. Inge und Sohn Carlo verkaufen schweren Herzens die Villa, retten den Verlag. Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist.

Das Schlösschen am See, neben der Magnolie, es gleicht einer Ruine, als der jüngst verstorbene amerikanische Hotelier Bob H. Burns es 1997 für vier Millionen kauft und mithilfe der Innenarchitektin Pamela Babey für 40 Millionen Euro restaurieren und in ein Boutique-Hotel verwandeln lässt. Seit 25 Jahren erstrahlt es nun schon in neuem altem Glanz – und hält die Geschichte der legendären Familie lebendig.

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