Zu Gast bei...

HERZ UND HAND

Was heißt Power Couple auf Italienisch? Super Coppia! Vanessa und Giorgio Bagnara sind ein so schönes wie erfolgreiches Paar mit einem Faible für feinstes Kunsthandwerk. Ein Besuch in der Manufaktur Giobagnara in Genua und dem Landhaus der Familie

Text: EVELYN PSCHAK VON REBAY
Fotografie: WOLFGANG STAHR
23. Februar 2026
HERZ UND HAND
Schon in das Geschäft von Giorgios Großvater pilgerten die Leute von weit her, weil es dort alles gab, was man brauchte: vom Agrarwerkzeug bis zur Schuhcreme

„Christoph Kolombus war auch Genuese“ erzählt Giorgio Bagnara. Und das sage so einiges über seine Heimatstadt, fährt der stilsichere Geschäftsmann fort. Die Referenz erzählt aber auch viel über ihn selbst: Ihm gefällt der Pioniergeist der Hafenstadt, ihre Offenheit gegenüber Einflüssen von außen und dass sie gleichzeitig sehr diskret sei. Alles Eigenschaften, die auch für sein Arbeits- und Familienleben gelten.
Die Bagnaras, das sind er, Giorgio, seine deutsche Frau Vanessa, die 15-jährige Tochter Vittoria, genannt Totti, sein Bruder Lorenzo und Giorgios Mutter Graziella. Und alle verbindet die gleiche Leidenschaft für guten Geschmack, für Handwerkskunst, Design – und der Mut, gestalterisch neue Wege zu gehen.

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte der Familie 1939 in Busalla, einem kleinen Ort im Herzen des Ligurischen Apennin, 20 Kilometer von Genua entfernt. Dort führte Giorgios Großvater ein Geschäft, „in dem es nahezu alles gab“, erzählt sein 48-jähriger Enkel. „Vom landwirtschaftlichen Werkzeug bis zur Schuhcreme. Sogar aus Mailand kamen die Leute. Mein Großvater war berühmt.“

Dass Giorgio schließlich seine eigene Marke gründete, lag an seiner Liebe zu Leder und an einer Marktlücke, die bis dahin allerdings nur er bemerkt hatte: „In Busalla verkauften wir Objekte in allen möglichen Materialien. Aber Leder gab es nur für Schreibunterlagen im Büro oder als Möbelbezüge.“ Das wollte er ändern und machte sich selbst an die Umsetzung. Seine ersten Entwürfe bot er im elterlichen Geschäft an: „Es waren Platz-Sets für den Tisch und ein Tablett dabei“, erinnert sich der Italiener. „Und eigentlich sollte ich im Laden nicht erwähnen, dass sie von mir sind.“ Doch als der Vertriebsmitarbeiter einer Luxusmarke nachfragte, konnte er nicht anders: „Es brach aus mir heraus!“ Das war im Oktober 1999. „Schon im Mai des darauf folgenden Jahres wurden meine Produkte in ganz Italien verkauft.“

Inzwischen wird die Marke Giobagnara als „Enzyklopädie der Luxuslederwaren“ beschrieben, umfasst das Portfolio doch fast 4000, gerne bis ins kleinste Detail nach Form, Farbe und Lederart personalisierte Werkstücke: Serviettenring, Eiskübel oder Couchtisch. Kunden können auch in Leder eingefasste Espressomaschinen bestellen oder auf Maß gefertigte Interiors für Yachten. Viele internationale Designer klopften bereits für Zusammenarbeiten an. Etwa Kelly Wearstler, die Grande ­ Dame des Westcoast-Interiordesigns. Oder Stéphane Parmentier, der dem Haus drei Jahre lang als Kreativdirektor verbunden war.

Seit 2023 befinden sich Designstudio, Atelier und Showroom in einem denkmalgeschützten Fabrikbau des Architekten Gino Coppedè im Genueser Stadtviertel Sestri Ponente. Die Manufaktur ist aber nicht nur Produktionshalle, sondern auch Teil der Familienchronik: Giorgios Großvater mütterlicherseits hatte einst in dieser Fabrik gearbeitet. Und sein Großonkel wurde im Zweiten Weltkrieg von hier aus fast in ein Arbeitslager der Nationalsozialisten verschleppt, konnte aber entkommen. Heute geben Giorgio und seine Frau dem Ort neues Leben. Und der Geschichte des Gebäudes eine versöhnliche Wendung. „Wir sind eine Familie und wir kreieren Familienraum“, umreißt der Unternehmer das Credo der Bagnaras. Seine Frau, Vanessa ergänzt: „Eigentlich heißt es ja immer, man solle sich aus seiner Komfortzone herausbewegen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Wir finden, man muss da rein! Denn ohne innere Ruhe und Ordnung gibt es auch keine äußere.“

Für den Komfort sorgen bei den Bagnaras aber nicht nur die Utensilien aus eigener Produktion, sondern auch die Klassiker ihrer Designsammlung, deren Möbelstücke in den Räumen der Manufaktur zu bewundern sind: Das Sofa von Ettore Sottsass, ein Unikat. Das smarte drehbare Bücherregal von Claudio Salocchi aus den 1960er-Jahren, ein Beistelltisch des von Giò Ponti geförderten Architekten Gianfranco Frattini, Keramiken von Bruno Gambone. Ja, Giobagnara ist eine Selfmade-Company, in wenigen Jahren hochgezogen. Und doch: „Es ist in Italien schwierig zu sagen, man habe etwas erfunden“, lacht Giorgio Bagnara. „Es gibt ja schon all die italienischen Meister.“ Auch deswegen sammle er mit Vorliebe deren Möbel: „Ich studiere ihre Lösungen.“

Noch immer ist Busalla Mittelpunkt des Familienlebens der Bagnaras. Ein altes Landhaus mit dunklen Fensterläden, gerahmt von Rhododendron und Ginster, versteckt sich im Grünen, viele Serpentinen hoch über dem Scrivia-Tal. Die sieben Hunde – Happy, Hope, DouDou, Zulema, Luna, Lupo und Leo – toben durch den umgebenden Park. Ihretwegen beschweren Gitter die Blumenrabatten. „Sie würden sonst alles aufgraben“, sagt Vanessa Bagnara. Auch der Familiensitz ist ein Ort gesammelter Geschichten und Objekte. Etwa vom verstorbenen Schwiegervater Vanessas, Renzo Bagnara, der für Weihnachten 2020 ein letztes Mal Sternbilder aus historischem Weihnachtsschmuck an die Esszimmerwand pinnte. Seitdem wollte keiner die Konstella- tionen abnehmen, und so prangen Ursa Major oder Draco noch immer am dunkelblauen Damast der Wandbespannung. Überhaupt ist das Haus ein Ort für Trouvaillen: San Giorgio zertritt als Keramik-Ritter im Bügelzimmer einen Basilisken. Historische Postkarten des Scrivia-Tals tapezieren ein Gästezimmer. Die unzähligen Figurinen eines lokalen Künstlers stellen katholische Prozessionen nach. In der großen Gutsküche komplettieren historische Ravioliförmchen und ein geschnitztes Buttermodel das Instrumentarium. Und egal welchen Schrank man öffnet, es quillt üppige Tischkultur hervor: Silberkelche, Kristallgläser, Etageren, handbemaltes Porzellan.

Vanessa Bagnara teilt die Sammelleidenschaft ihres Mannes. Ihr Vater, Herbert von Eywo, war in Hamburg als Vertreter für Luxusmarken wie Christofle oder Baccarat tätig. Und eines Tages eben auch für Giobagnara. „Ich kam 2007 auf die Frankfurter Messe, und eigentlich sollte eine deutschsprachige Hostess am Stand mithelfen“, erinnert sich Giorgio Bagnara. Als die nicht kam, habe ihm sein Vertreter gesagt, das sei kein Problem, er werde ihm seine Tochter schicken. „Ich beschwerte mich sogar noch bei meinem Vater“, erzählt Vanessa: „Denkst du, ich habe nichts anderes zu tun?“ Ein Jahr später waren die beiden verheiratet. Sie lacht: „Damals war im Erdgeschoss des Geschäfts ‚Via Garibaldi 12‘ noch das Atelier von Giorgio. Ei- gentlich sollte er mir nur zeigen, wie man ein Tablett in grünes Leder einschlägt. Aber dann hat er mich hier zum ersten Mal geküsst.“ Amore und Famiglia passen bei den Bagnaras eben sehr gut ins Geschäft. Oder wie Vanessa sagt: „Das Tablett ist bis heute ein Bestseller.“

Finden Sie weitere Genua-Tipps der Familie Bagnara in der SALON No. 46