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Angekommen in Afrika

Die Natur und die Menschen, die Küche, die Farben, die unendliche Weite: Kreativdirektor Thomas Niederste-Werbeck hatte viele Gründe, nach Südafrika zu ziehen. Das Haus, das er für sich und seinen Mann nahe Kapstadt einrichtete, zeigt, wie sehr ihn das Land inspiriert

Text: Gabriele Thiels
Fotografie: Henrique Wilding
Produktion: Thomas Niederste-Werbeck
4. September 2026
Angekommen in Afrika
Starke Farben und das große Gemälde von Yolanda Mazwana, einer jungen Malerin aus Johannesburg, prägen Wohn- und Essbereich im Haus. Die Treppe führt zu einem hohen Raum, einst ein Innenkäfig für Papageien: Die Erstbesitzer züchteten Aras

Es war Liebe auf den ersten Blick. Vor ein paar Monaten entdeckte Thomas Niederste-Werbeck in einer Galerie ein kleines Ölgemälde. Es zeigt eine Tischplatte, auf der Blüten, Blätter und Zweige sorgfältig arrangiert sind wie auf der Seite eines Naturkundebuchs. „Das hat mich sehr berührt, weil ich schon als Kind Stillleben mit Fundstücken aus der Natur zusammengestellt habe“, erinnert er sich. Es war seine Art, sich die Welt kreativ anzueignen und sie mit anderen zu teilen. Im Grunde macht er das heute immer noch so, beruflich wie privat. Thomas Niederste-Werbeck ist Journalist, Stylist und Interior-Experte, er war Chefredakteur von Wohnzeitschriften, ist der Kreativberater des Magazins Häuser und hat gemeinsam mit Anne Petersen SALON gegründet. Und: Er ist in seinem Leben mehr als dreißig Mal umgezogen. „Ich mag diesen Wechsel, sich an einem neuen Ort zurechtzufinden, ihn in Besitz zu nehmen und zu gestalten.“

Seit Oktober 2025 ist dieser Ort Südafrika im Allgemeinen und ein Haus im Dorf Misty Cliffs südlich von Kapstadt im Besonderen. Mit seinem Mann Frank hatte er es schon vor sechseinhalb Jahren gekauft – ein eleganter Bau mit einem burgartigen Sockel und hellen Natursteinmauern. Das Anwesen klettert über mehrere Ebenen sanft die Klippen hinauf und bietet eine spektakuläre Sicht auf den Atlantik. Zunächst diente das Haus als Feriendomizil, zwei- bis dreimal im Jahr kamen Thomas und Frank her. Jetzt leben sie mit ihren Hunden Cooper und Bobby ganz hier.

Im Wohnzimmer hängt zwischen der breiten Fensterfront zum Wasser und dem dunkelgrün gekachelten Kamin das kleine Bild. „Still Life with Silver Leaf“ lautet sein Titel, ein aktuelles Werk des südafrikanischen Künstlers Simon Stone. Und es ist, als schlösse sich ein Kreis: Thomas Niederste-Werbeck ist angekommen.

Nebenan in der Küche streckt sich Irish Terrier Cooper hochzufrieden auf dem polierten Beton aus. „Er liebt den warmen Boden“, erklärt Thomas Niederste-Werbeck. „Wir haben erst kürzlich die Fußbodenheizung in Gang bekommen, es hieß, sie funktioniere nicht.“ Es ist August und noch Winter in Südafrika, der gerade an der Westküste mit ihrer starken Brandung regnerisch und  kühl sein kann. Erst recht in Misty Cliffs, wo, der Name sagt’s, die Klippen dunstig sind. Doch dann klart es plötzlich auf, die Sonne strahlt, und die Aussicht ist wieder da. „Es heißt nicht umsonst, dass man in und um Kapstadt an einem Tag alle vier Jahreszeiten erleben kann“, sagt der Hausherr.

Sie lernen das Leben hier jetzt richtig kennen, „das sind im Alltag andere Erfahrungen als im Urlaub“, und das Winterwetter ist eine davon. Die Natur und die Landschaften, das Essen und die Farben, die Menschen, die Entfernungen und die Bürokratie, vieles ist hier intensiver und extremer als in Europa. Und Thomas Niederste-Werbeck reagiert darauf mit seinem angeborenen Gespür und seiner jahrelangen Erfahrung als Kreativer. Der vielfältigen und experimentellen Foodszene in der Region Kapstadt hat er gleich ein Buch gewidmet und auch das Interior des Hauses speist sich aus der Fülle seiner vielseitigen Eindrücke.

So hat er es auch auf Mallorca gemacht, wo er und sein Mann zuvor neun Jahre nahe Artà in einer modernen Finca aus traditionellen Materialien gelebt und sie betont puristisch in den Beigetönen der Landschaft eingerichtet hatten. Weil die Insel aber „immer voller und luxuriöser“ geworden ist, seit ein zahlungskräftiges Publikum aus den USA und Kanada sie entdeckt hat, beschloss das Paar, seinen Lebensmittelpunkt ganz nach Südafrika zu verlagern. Das Mobiliar kauften ihnen ihre Vermieter ab, es sollte in der Finca bleiben. „Das gab uns die Freiheit, das Haus hier noch mal ganz neu einzurichten“, sagt Thomas Niederste-Werbeck. Zwar hatten sie die Räume direkt nach dem Kauf möbliert, „aber ich hatte große Lust, viel stärkere Kontraste zu schaffen“.

Das Interior komponierte er um Kunstwerke herum. Im offenen Wohnbereich etwa bildet die großformatige Frauendarstellung von Yolanda Mazwana, einer jungen Malerin aus Johannisburg, den Bezugspunkt. Die Arbeit hängt an einer Wand, die den Raum mit dem Treppenhaus verbindet und in einem dunklen Rot gestrichen ist. Der Ton hebt die Schönheit des Bildes hervor, prägt den gesamten Raum und „war wahnsinnig schwer zu finden“, erinnert sich der Hausherr. „Sonst weiß ich genau, was ich will, aber hier haben wir dreißig Farben ausprobiert.“ Jetzt trifft das Rot auf die grünen Kacheln der Kaminwand, das satte Orange des marokkanischen Teppichs am Essplatz nebenan, das Currygelb des Sideboards und den Mint-Ton der Kücheneinbauten. Letztere hatte das Paar schon vorher anfertigen lassen. Ihre Farbe nahm das Grün der alten argentinischen Holztüren auf, die Küche und Essplatz mit einem intimen Patio verbinden. „Leider waren sie zu marode, so haben wir sie durch Glastüren mit dunklen Eisenrahmen ersetzt. Sie lassen mehr Licht herein, und ihr industrieller Charakter fügt sich gut ein.“ Man fühlt sich in diesem Ambiente wie auf einer südafrikanischen Wildblumenwiese: Es ist bunt und natürlich. Die Möbel stammen meist von hiesigen Manufakturen, ihre klassischen Formen wirken durch die starken Farben modern und cool. Mal wird Material – wie Messing und Stein beim skulpturalen Couchtisch – verschwenderisch verwendet, mal traditionelles Kunsthandwerk in einen neuen Kontext gesetzt – etwa als Sitzgeflecht der Esszimmerstühle. Folkloristisches sucht man vergeblich. Alles ist wie selbstverständlich kombiniert, die Leichtigkeit verrät den Könner.

„Es soll unkompliziert sein“, sagt Thomas Niederste-Werbeck, auch wenn er und sein Mann für Gäste kochen. „Ich stehe nicht gern lang in der Küche. Einfache Rezepte, die gut vorzubereiten und schnell zu machen sind, habe ich am liebsten.“ Meist kauft er viel Gemüse und Obst, „das, was mich anspricht und besonders schön aussieht“, und versucht, „daraus etwas zu kreieren“, wie er sagt. So fügt er beim Klassiker Insalata Caprese zu Tomate und Büffelmozzarella noch Papaya hinzu, „deren Süße gibt dem Gericht so eine Raffinesse und schmeckt auch mit Basilikum sehr gut“. Auch die Blumenkohlsuppe („Frank achtet sehr auf proteinreiche Ernährung“) bekommt einen exotischen Twist durch Kokosmilch und kann an heißen Tagen gern mal kalt gegessen werden. Serviert wird auf dem schlicht-schönen Geschirr einer Töpferin, die in der Nähe ihr Atelier hat, gegessen im Winter in kleiner Runde drinnen, im Sommer in großer Runde am langen Tisch auf der Dachterrasse. Nur zum Braai, dem südafrikanischen Barbecue, laden Thomas Niederste-Werbeck und sein Mann nie ein. Stattdessen gibt’s Pizza aus dem Ofen im Patio. „Frank macht den Teig, belegen kann sich jeder Gast seine Pizza selbst.“ Gern in den Farben des Interiors: bunt und natürlich.

Jede Menge Kapstadt-Tipps finden Sie in SALON No. 48